Triëdere #20 (1/2019)
(Gedichte) gestalten


Hg. v. Hans-Walter Schmidt-Hannisa und Matthias Schmidt


Essen ist ein Akt der Aneignung, der Einverleibung von "Anderem": ein biologisch notwendiger Vorgang, bei dem wir uns tagtäglich mehrmals buchstäblich in die Welt verbeißen. Doch bevor es ans animalische Beißen und Kauen geht, richten wir uns das zu verzehrende Stück Welt zu — der Mensch ist ein Tier, das kocht, und zwar gerne nach einem angesagten Rezept. Essen dient zwar der Bedürfnisbefriedigung, ist aber zugleich eine kulturelle Praxis par excellence: In der Küche werden Nahrungs- in Genussmittel verwandelt, die sich als Teil eines höchst komplexen Zeichensystems präsentieren.
Trotzdem hat in der Geschichte der Menschheit der Mangel an Nahrung immer eine größere Rolle gespielt als die Frage nach der geschmacklichen Verfeinerung. Hochwertige und kunstvoll zubereitete Speisen blieben die längste Zeit über ein Privileg der Eliten. Kulinarische Höchstleistungen wurden zwar schon der Küche im antiken Rom attestiert, die mit Zutaten wie Nachtigallenzungen und Pfauenhirnen etwas anzufangen wusste, und die Bankette der barocken Aristokratie inszenierten Delikatessen wie Schwanenpasteten und Marzipanfrüchte mittels raffinierter Tischdekoration als Gesamtkunstwerk. Aber erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelte sich, angestoßen von Jean Anthelme Brillat-Savarins Physiologie du Gout (Physiologie des Geschmacks, 1826) und Carl Friedrich von Rumohrs Geist der Kochkunst (1822), ein eigenständiger Diskurs, der die Frage nach dem Wesen der Feinschmeckerei als theoretische Herausforderung ernstnahm: die Gastrosophie. Lange Zeit stand die "Magenweisheit" ganz im Zeichen der kulinarischen Verfeinerung, Rücksicht zu nehmen war lediglich auf die Erfordernisse der Gesundheit und Verfügbarkeit.
Erst mit den weltweiten wirtschaftlichen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts, die — zumindest in den Industriestaaten — dazu führen, dass die Versorgung mit hochwertigen Lebensmitteln saisonunabhängig und in nie dagewesener Vielfalt gesichert ist, zeichnet sich im gastrosophischen Denken ein Paradigmenwechsel ab, der die zunehmend globalen Zusammenhänge des Wirtschaftens auch in den alltäglichen Gewohnheiten des Konsums und Verzehrs erkennt und kritisch reflektiert. Die Grundfrage der Gastrosophie — wie isst man "gut"? — zielt nun nicht mehr nur auf die Maximierung kulinarischen Genusses ab, sondern wird zugleich zu einer Frage der Verantwortung für sich selbst und für andere, zum Gegenstand einer neuen Ethik und einer konsumistischen Moral. Nicht nur die Qualität des Essens selbst, sondern auch die damit verknüpften Praktiken — von der Produktion der Lebensmittel über die Prozeduren ihrer Verarbeitung bis hin zu den Praktiken und Ritualen ihres Verzehrs — stehen auf dem Prüfstand. Die neue kritische Gastrosophie kommuniziert deshalb mit Gesundheitsdiskursen aller Art, mit der Tierethik und der Konsumkritik, mit den Klimawissenschaften und mit all jenen Bewegungen, denen die Optimierung eines nachhaltigen Ineinandergreifens von Ökonomie und Ökologie ein Anliegen ist.
Die zeitgenössische Esskultur ist ein weites, von Gegensätzen geprägtes Feld, ein Nebeneinander von Armenküchen und Foodporn, Diätwahn und Eat as much as you can, Astronautennahrung und Paleofood, Insektensushi und veganem Schnitzel, Ethnofood und (vermeintlich) identitätsstiftender Hausmannskost, Hochglanz-Inszenierungen von Nahrung in Gourmetzeitschriften oder Kochsendungen und der Dokumentation tierischen Elends in Schlachthöfen und Legebatterien.
Essen, schon im Paradies eine Angelegenheit mit Fallstricken, hat heute seine "Unschuld" verloren. Karin Duve bringt das Dilemma auf den Punkt: "Wer hat schon Lust, jedes Mal darüber nachdenken zu müssen, ob er gerade ein Verbrechen unterstützt, wenn er bloß fürs Mittagessen einkaufen will." Die Entwicklung einer gleichermaßen sinnlichen wie verantwortungsvollen "gastrosophischen Kompetenz" ist also zweifellos eine dringliche Aufgabe. Die Beiträge dieses Heftes verstehen sich in diesem Sinn als Appetithappen. Sie wollen Lust machen, sich dieser Herausforderung zu stellen.


 
Inhalt

Hans-Walter Schmidt-Hannisa und Matthias Schmidt: Editorial
 
Harald Lemke: Warum unser Essen politisch ist. Notizen zu einer Weltformel der Gastrosophie
 
Renate Burger: Wurzel-Wunderkammer
 
Monica Brandis: Der Mensch ist, was er nicht isst
 
Tina-Karen Pusse: Konserven für die Apokalypse
 
Merle Hilbk: Das Vollfett-Land
 
Ketuta Alexi-Meskhishvili: Collagen
 
Brigitte Kovacs: Familiengeschichte(n) in Rezepten
 
Herbert J. Wimmer: lokale prosa
 
Jutta Z. Vahrson: Leichenschmaus für R. Hood
 
Markus Köhle: Fleischblumen
 
Tracy Gaughan: Apricots
 
Oliver Seifert: Mehlmythen
 
Lina Bittner: Literatur — Kultur — Genuss: Die Nahrungsaufnahme als Chance einer Annäherung an das kulturell Fremde
 
Melanie P. Strasser: Kannibalogie. Noten zu einer Philosophie der Einverleibung
 
   


Triëdere #20 (1/2019) ist im August 2020 im Sonderzahl Verlag erschienen.
Ausgewählte Texte sind online zugänglich.

Umfang: 120 Seiten.
ISBN: 978 3 85449 560 4




 
 
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