Triëdere #16 (1/2017)
Traumaufzeichnungen


Träume aufzuzeichnen ist unweigerlich ein paradoxes Vorhaben: Obwohl Träume ständig und zu unterschiedlichsten Zwecken aufgezeichnet werden, ist es doch unmöglich, den Traum als solchen einzufangen, ihn in seiner traumhaften Qualität festzuhalten. Der prinzipiellen Einsicht, dass Träume »grundsätzlich nicht protokollierbar«[1] sind, steht insofern das Phantasma entgegen, seiner Traumhaftigkeit dennoch — und zwar auf produktive Weise — nachzustellen. Für Heiner Müller lag gar der »ganze Sinn jeder künstlerischen Anstrengung « darin, »den eigenen Träumen nachzujagen. Man versucht, die Stringenz der Träume zu erreichen, aber das erreicht man nie, weil: im Traum ist jeder ein Genie, und dem jagt man nach.«[2] Selbst wenn es einer/einem nicht um Geniales geht, führt der per se flüchtige Traum also das Dilemma des Schreibens, das stets zu spät kommt, vor Augen. Denn all das, was am Traum fasziniert, lässt sich in die notorisch sekundäre Aufzeichnung nur verändert, bearbeitet oder verschoben retten. Es entsteht, wie Herbert J. Wimmer es in diesem Heft pointiert vorführt, eine Traumprotokollusion.
Da man dem Traum weder mit allgemeinen Paraphrasen, noch mit einer Re-Inszenierung beikommen kann, bleibt die Traumaufzeichnung selbst zweifellos ein Dilemmatraum, der in seiner Uneinholbarkeit zur metaphorischen Inspiration der klassischen Moderne wurde. Nachdem uüber Jahrhunderte hinweg Träume gar nicht als das Produkt einer individuellen, deregulierten Einbildungskraft galten, sondern als Zeichen und Botschaft höherer Mächte gedeutet wurden, näherte sich erst die Forschung des 18. Jahrhunderts einer wissenschaftlichen Trauminterpretation an. Doch gleichgültig, ob es sich um Erfahrungsseelenkunde, Psychoanalyse oder auch die heutigen Neurowissenschaften handelt, sie alle stehen grundsätzlich noch immer vor ähnlichen Herausforderungen wie die Literatur, in der das Traumprotokoll spät, etwa seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts, eine eigenständige Form gewinnt: Sie versuchen einer Erfahrung habhaft zu werden, die sich in ihrer Bedeutung und Erlebnisqualität einer validierbaren, intersubjektiven Analyse wesensmäßig entzieht. Dies hat zur Folge, dass in jedem Versuch, Träume dennoch aufzuzeichnen, die Mittel und Techniken des jeweiligen Protokollierens unweigerlich mit den (latenten oder manifesten) Trauminhalten interferieren: das Traumprotokoll ist somit ein Ort, wo sich künstlerische Formgebung und deren Reflexion auf signifikante Weise uüberschneiden, sich gegenseitig befluügeln und bezähmen müssen, um sich den vermeintlichen »Gehalt« des Traumes ansatzweise zu erschließen. Eine Aufzeichnung im wörtlichen Sinne also — deren Umsetzung ein Scharnier bildet zwischen individueller und gesellschaftlicher Traumarbeit, zwischen Strategien der Fiktionalisierung und der Faktualisierung — ist das Thema des vorliegenden Heftes.


1] Hans-Walter Schmidt-Hannisa: »Zwischen Wissenschaft und Literatur. Zur Genealogie des Traumprotokolls«, in: Michael Niehaus und Hans-Walter Schmidt-Hannisa (Hg.): Das Protokoll. Kulturelle Funktionen einer Textsorte. Frankfurt am Main u.a.: Peter Lang 2005, 135—164, hier 135.
2] Heiner Müller: Traumtexte. Hg. v. Gerhard Ahrens. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2009, 110.



 
Inhalt

Hans-Walter Schmidt-Hannisa: »... auch während des Schlafes wachend auf der Lauer liegen.« Anmerkungen zur Geschichte der Traumerinnerung.
 
Gabriele Petricek: Traum Schleifen
 
G.H.H.: Jakob träumte.
 
Herbert J. Wimmer: Traumprotokollusion
 
Thomas Ballhausen: Anifemality
 
Marianne Maderna: Träume — Niemandsland-Ohnbekenntnis
 
Mareen Bruns: Illuminiert
 
pst: Magische Blätter. Traum-Pilotin. Zu Friederike Mayröckers Traumkunst
 
Esther Strauß: dreams yet to dream. für Anna Freud
 
Margret Kreidl: Traumordnung
 
Maja Vukoje: fuels 'n 'frumps
 
Raoul Eisele: Vergiss nie... [bevor wir schlafen]
 
Daniela Chana: Zwei Gedichte
 
Martin Alexander Sieber: Nicht mehr schreiben/nicht mehr schlafen können
 
Alexander Görlach: Texte
 
Hannah Bründl: +/- 17 (T)Räume von Magnicicaden
 
Michael Hammerschmid: von einem, der den schlaf schreiben wollte (nicht vom traum)
 
   


Triëdere #16 (1/2017) ist im Juli 2017 im Sonderzahl Verlag erschienen.
Ausgewählte Texte sind online zugänglich.

Umfang: 96 Seiten.
ISBN: 978 3 85449 476 8




 
 
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