Triëdere #13 (2/2015)
(Auto)Poetologien


Poetologien sind in aller Munde — nicht nur im Bereich der Literatur. Überall dort, wo die (sprachliche) Verfasstheit von Wissen bedacht wird, wuchern die Reflexionen, nach welchen Regeln diese Erkenntnisse gewonnen werden: als Poetologien des Wissens, der Erinnerung, der Geschichte. Es ließe sich also annehmen, dass die Poetologie längst einen Übergangsbereich zwischen literarischen und wissenschaftlichen Fragestellungen bezeichnet — im Sinne einer uferlosen Disziplin, die nicht nur nach den Regelmäßigkeiten sprachlicher Kunstwerke fragt, sondern diese auch noch mit den Formationsbedingungen und Regularien von Erkenntnis und dem Sprechen darüber verbindet. Es ginge ihr demnach nicht mehr nur darum, eine Lehre von der Dichtkunst, eine vermeintlich normative Poetik, zu formulieren. Noch ließe sich Poetologie auf die Vielzahl an individuellen, poetischen Selbstverständnissen eingrenzen, wie sie in Form von Poetikvorlesungen kultiviert und als etabliertes Genre in den Literaturbetrieb integriert werden. Poetologien, so scheint es, umkreisen jenen Ort, wo sich Fragen des Handwerks, der eigenen Positionierung und auch der Epistemologie überschneiden und auf Antworten drängen, in denen sich diese immanenten Spannungen nicht auflösen, sondern nur unterschiedlich arrangieren und so bekräftigen lassen.
Von dieser erweiterten Perspektive nimmt das Thema dieses Heftes — (Auto)Poetologien — seinen Ausgang: Der Ausdruck zielt darauf ab, Poetologie nicht als ein präformiertes Wissensgebiet vorauszusetzen, sondern sie als eine komplexe, wiederkehrende und tendenziell selbstbezügliche Verhältnisbestimmung aufzufassen. Unter dem Hefttitel verbirgt sich also die Frage, wie mit den An- forderungen, Möglichkeiten und Schwierigkeiten umzugehen ist, die dieses breite thematische Feld eröffnet: Lässt sich das "Nutzgefälle einer poetologischen Beschaäftigung" für das eigene "Staunkraftwerk" kanalisieren (Markus Köhle), oder führt dieses zu einer unendlichen Reihe der Selbstbespiegelungen, der man nur mit einer "poetologie der poetologie" (Michael Hammerschmid) begegnen kann? Stellt die Keimzelle der Poetologie das "literarische Selbstgespräch" dar (Astrid Nischkauer), oder eine elaborierte Spielart der Selbstbeobachtung, die zwischen "Autooptimierung" und "Prostitution" (Thomas Ballhausen) schwankt? Unterfordert sich Literatur sogar noch in jenem Moment, in dem sie sich selbst zum Schauplatz der Aushandlung all ihrer Bestandteile und Voraussetzungen macht, die sie als "Textfläche" (Elfriede Jelinek) spielerisch aufnehmen kann? Oder braucht es den stetigen Wechsel zwischen Anziehung und Abstoßung, um dem "Spieltrieb" eines Gedichts (G.H.H.) zu verfallen? In jedem Fall bildet die Poetologie nicht allein den "Backstageraum" der Literatur (Mieze Medusa), sondern den Ort und den Versuch einer "Ortung" all dieser Unterfangen zugleich — ein Versuch, dem Peter Truschner auch mit seiner Serie Veil fotografisch nachgeht.


Inhalt
Markus Köhle: Zwei über Par. Poetologische Putts und Put-puts
 
Michael Hammerschmid: die poetologie der poetologie ist die poetologie der poetologie ist die poetologie der poetologie ist die
 
Astrid Nischkauer: Literarische Selbstgespräche (mit: Ferdinand Schmalz, Clemens J. Setz, Barbara Zeizinger, Fiston Mwanza Mujila, Alain Jadot, Franz Dodel, Verena Stauffer, Monika Vasik, Marcel Beyer, Sophie Reyer, Adrian Kasnitz, Linde Waber, Marco Grosse, Herbert J. Wimmer, Marion Steinfellner)
 
Elfriede Jelinek: Textflächen. Das da ist nur für mich. So kann ich es mir schenken.
 
Peter Clar: "Text-Flächen"
 
Peter Truschner: Fotografien aus der Serie "Veil"
 
Peter Truschner: Ortung
 
G.H.H.: In einem Rot, das völlig künstlich wirkte
 
Thomas Ballhausen: Beim Warten auf die Kavallerie, auf Entsatz ... Aus einem Labortagebuch
 
Mieze Medusa: Draußen vor der Tür auf der Straße, da nennen sie es Kunst
 
 


Triëdere 2/2015 ist im Dezember 2015 erschienen.
Ausgewählte Texte sind online zugänglich.
Umfang: 122 Seiten.





 
 
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