Triëdere #17 (2/2017)
Einreichen — Passion vs. Hoffnungsökonomie


Einreichungen sind für Künstler_innen und Wissenschafter_innen längst ein alltäglicher und nicht selten konstitutiver Bestandteil der professionellen Arbeitsrealität. Selten allerdings rückt der komplexe Prozess, der mit dieser Notwendigkeit verbunden ist, selbst in den Fokus einer reflektierten Auseinandersetzung. Diesem Versäumnis setzen wir die vorliegende Ausgabe von Triëdere entgegen, die sich dem Moment des Einreichens widmet. Zu fragen ist beispielsweise, welche Auswirkungen das Einreichen auf die kreative Arbeit, das eigene Werk hat — und welche Umgangsformen Künstler_innnen oder Wissenschafter_innen entwickeln, um mit dem Prozedere des Einreichens ein produktives Auskommen zu finden. Ist die Einreichung ein willkommener Anlass, um die erste Idee für ein neues Werk zu präzisieren und einzukreisen? Oder kommt die Anforderung, die Idee in Sprache und Skizze zu übersetzen, notorisch zu früh, um auch danach noch für jede andere Form, die das Werk finden will, frei zu sein?

Gebeten haben wir um Beiträge — oder richtiger: Einreichungen — die diesen Prozess differenziert betrachten und die eigenen Erfahrungen teilbar machen. In den Gesprächen und Briefwechseln, die sich in der Folge mit Künstler_innen und Wissenschaftler_innen ergeben haben, wurden gegenläufige Positionen sichtbar. Der Autor Fabian Faltin meint etwa: »Die prägnantesten und ausgereiftesten Texte, die ich in den letzten 2–3 Jahren geschrieben habe, sind wahrscheinlich Einreichungstexte. Mit ihnen habe ich letzten Endes auch am meisten Zeit verbracht.« Der Künstler, Musiker und Autor Andreas Karner hat sich wiederum schon früh gegen Einreichungen entschieden: «Ich habe mir darüber noch nie Gedanken gemacht, da ich kaum eingereicht habe. Ein einziges Mal als junger Student für das 12-monatige Staatsstipendium, unreflektiert und naiv, das war's auch schon. Das stattgegebene Taschengeld hab ich dann zum Teil mit meiner Oma beim Sonntagsessen im Gasthaus verprasst, der Rest liegt bis heute unangetastet auf meinem Bankkonto und wird dereinst meine Mindestpension auffetten.«

Zwischen diesen zwei Polen — der Einreichung als bürokratisches Übel und der Einreichung als treibende Kraft — bewegen sich die 16 Beiträge, die in dieser Ausgabe versammelt sind. Trotz der sehr unterschiedlichen Stoßrichtungen der Texte und Bilder ist allen Beiträgen eines gemeinsam: Sie nehmen den Einreichprozess ernst und bedenken ihn vor diesem Hintergrund — mal durch den Versuch, seine immanente Widersinnigkeit offenzulegen, mal im Bemühen um ironische Distanz, die immer auch etwas bitter schmeckt. Im Umgang mit den vielen Zusendungen, die uns erreicht haben, wurde uns darüber hinaus deutlich, dass auch die Perspektive derjenigen, die Einreichungen von der anderen Seite betrachten, in diesem Heft nicht fehlen darf. Wie können Jurys, Vergabestellen oder Verlage die Flut an eingereichten Ideen und Werken so sichten, dass sie ihnen gerecht werden? Wie können Einreichverfahren strukturiert werden, damit beide Seiten profitieren?

Natürlich hat auch uns bei der Zusammenstellung des Heftes Fluch und Privileg jeder Jury getroffen: Wir mussten und durften wählen. Schmunzelnd stellen wir fest, dass — wie bei den meisten unentgeltlich agierenden Jurys — die Details unserer Entscheidungen auch bei uns aus Mangel an Ressourcen im Dunkeln bleiben werden. Das grundlegende Motiv unserer Auswahl kann aber sehr wohl beschrieben werden. Unser Wunsch war es Beiträge zu versammeln, die in ihrer Vielfalt den Einreichprozess nicht als gegeben hinnehmen, sondern ihn als gestalt- und verhandelbar begreifen. In diesem Sinne hoffen wir, dass diese Ausgabe von Triëdere der Beginn einer Verwandlung ist.


 
Inhalt

Esther Strauß und Matthias Schmidt: Editorial
 
Herbert J. Wimmer: einreichungsparlando. z.b. literatur- und kunstprojektförderung
 
Raphaela Edelbauer: INDIZIEN des Wertes
 
Sabina Holzer: Unter Umständen
 
Helwig Brunner: Ausreichend einreichen!
 
Eva Schörkhuber: Grund einer Einreichung
 
Wolfgang Oertl: File | New ...
 
Jack Hauser: Zur Einreichung. Sätze und Zaubersprüche
 
Adelheid Mers: Artists' perspectives on grant writing, summed up in a diagramm
 
Andreas Fogarasi: Projecting
 
Fabian Faltin: Proposal Prosa
 
Moussa Kone: einreichungen
 
Hanno Millesi: Einreichung
 
Miroslava Svolikova: bitte nicht in die landschaft schlagen
 
Thomas Ballhausen: Fernkurs
 
Verena Teissl: Einreichen. Einsehen. Kulturmanageriale Betrachtungsweisen
 
Dieter Bandhauer: Kleinere und größere Bedrohungen. Interview
 
   


Triëdere #17 (2/2017) ist im Februar 2018 im Sonderzahl Verlag erschienen.
Ausgewählte Texte sind online zugänglich.

Umfang: 96 Seiten.
ISBN: 978 3 85449 477 5




 
 
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