Strich und Streich

Zeichnungen von Alexander Puschkin
Von Peter Klass




Puschkin war ein Amateurzeichner. Er zeichnete in seinen Arbeitsheften - nachdenkend und "für sich" - am Seitenrand neben mehrmals korrigierten, durchgestrichenen und überschriebenen Zeilen, seltener mittig und groß auf einem gesonderten Blatt. Er pflegte auch, während der Unterhaltung mit Freunden, in einem engen Kreis, mit Gänsefeder oder Bleistift zu zeichnen. So entstanden manchmal ganze Portraitsuiten als graphische Impressionen einer Unterhaltung. Für die in Adelskreisen im ersten Drittes des 19. Jahrhunderts populären, von jungen Frauen geführten Alben zeichnete Puschkin Portraits von gemeinsamen Bekannten, Landschaften und Profile als eine graphische Ergänzung zum mündlichen Reisebericht usw. Die meisten im Freundeskreis entstandenen und "publizierten" Zeichnungen sind scherzhaft und spielerisch.
Bekannt sind Puschkins graphische Streiche. Als er einmal auf dem Weg von Odessa nach Michailowskoje seinen Bekannten zu Hause nicht erreicht hatte, hinterließ er für ihn einen Zettel mit seinem Selbstbildnis anstatt einer geschrieben Nachricht.
Die Schauspielerin Kolosowa, die mit Puschkin in Sankt Petersburg vor seiner Verbannung umgegangen ist, erinnert sich: "Puschkin ... schrieb ein paar Seiten (ihres Albums) mit sehr lieben Gedichten voll und zeichnete etwas". "Ich und meine Freundinnen machten den Umschlag des Albums mit allerlei Schnörkel, 'Federproben', karikaturesken Frätzchen bunt". Aber bei Gedichten und Zeichnungen hat er es nicht bewenden lassen. Er hatte Geduld, alle Schnörkel und flüchtigen Federzeichnungen vom Papierumschlag des Einbands zu kopieren: den originalen Umschlag nahm er an sich und ersetzte ihn durch die Kopie, und zwar so kunstvoll, dass wir diese 'Fälschung' lange Zeit nicht merkten". Interessant ist auch die von Iwan Puschtschin, einem Jugendfreund Puschkins, erzählte Geschichte: "In meiner Nähe, an der Mojka, wohnte Angelika - liebreizende Polin!
Auf das Übrige - einen Vorhang!
Als ich einmal vom Unterricht nach Hause zurückkam, fand ich auf dem Schreibtisch ein großes entfaltetes Papierblatt. Auf diesem Blatt wurde mit Feder ein mir bekanntes Zimmer gezeichnet, Trumeau, zwei Couchen. Auf einer Couch sitzt, sich lümmelnd, eine gar beleibte Frau, fast ein Abbild unserer hässlichen Tante Angelika. Zu ihren Füßen - Striks, kleiner unerträglicher Hund.
Unterschrieben: 'Von ihr zu mir oder von mir zu ihr?'
Man brauchte nicht zu fragen, wer vorbeikam. Außerdem verstand ich, dass Puschkin sie damals auch nicht erreicht hatte".





Ein Teil dieser Zeichnungen ist überliefert worden. So zum Beispiel das spaßhafte Selbstportrait mit einem Klobuk (einer Mönchskappe) Auge in Auge mit dem Teufel.
Die meisten überlieferten Zeichnungen von Puschkin befinden sich jedoch in seinen Manuskripten. Er arbeitete am liebsten in großen Heften. Hier hatte er die für seine Ideen notwendige Weite, er konnte frei von einem Entwurf zu einem anderen übergehen, immer wieder zu Zeilen zurückzukehren, die ohnehin mehrmals durchgestrichen wurden. Zeichnungen drängten sich auf der Seite, wenn die Arbeit nicht ging. Manchmal entstanden ganze graphische Suiten, einem bizarren Rhythmus der Fantasie unterworfen. Puschkins Harmoniegefühl prägt auch seine Handschriften. Dieses drückt sich vor allem in der allgemeinen Komposition des handschriftlichen Blattes aus, zeigt sich aber auch in seinen flüchtigen Randzeichnungen, die den Eindruck eines augenblicklichen Entwurfs hinterlassen und mit ihrem freien, sicheren und artistischen Strich sehr expressiv und plastisch wirken. Puschkin bevorzugte das Freihandzeichnen ohne jegliches vorläufiges Vorzeichnen mit Bleistift. Die Feder war sein geliebtes und folgsames Werkzeug.



Zahlreiche Selbstbildnisse, darunter auch die so genannten "travestierenden" (als Hofmohr, als Greis, als Jüngling mit langen Locken, als Pferd, auch als Dante mit einem Lorbeerkranz auf dem Kopf), Federproben, Schriftzüge, mit kalligraphischen Schnörkeln gezeichnete Vögel, Füßchen, Profile von imaginären sowie auch von bekannten und historischen Personen, Pferde, Waffen, genrehafte Szenen, Landschaften, Selbstillustrationen, Titelblätter usw. - das sind Gattungen von Puschkins Grafik.
Einige Randzeichnungen von Puschkin scheinen keinen direkten Bezug zu entworfenen Werken zu haben. Solche Zeichnungen lassen sich manchmal biographisch deuten. Vor allem wenn sie neben den ins Heft eingetragenen Daten bedeutender Ereignisse, Tagebuchaufzeichnungen oder Entwürfen wichtiger Briefe stehen und mit diesen korrelieren. Puschkins Arbeitshefte sind zwar in erster Linie sein dichterisches Labor, haben aber öfters den Charakter eines intimen Tagebuches.
Manchmal spielen Puschkins Zeichnungen die Rolle einer graphischen "Erprobung" der Metapher, manchmal wird die beschriebene lyrische Situation durch die kompositorische Aufmachung des mit Zeichnungen versehenen Blattes gleichsam inszeniert.
Viele Randzeichnungen deuten unmittelbar auf das Gedichtete hin und haben somit einen illustrativen Charakter. Selbstillustrationen sind sowohl in Puschkins Arbeitsheften wie auch in seinen Reinschriften zu finden. Die letzteren verfasste Puschkin mit feiner Schrift und versah sie mitunter mit Titelblättern.
Die von Puschkin besungenen und so oft gezeichneten weiblichen Füßchen sind in einigen Manuskripten kühn metaphorisch dargestellt: in schmale Ballettschuhe gezwungen, erinnern sie an die Schreibfeder, das Werkzeug des Dichters und Zeichners. Bemerkenswert ist die fantasievolle Bleistiftzeichnung mit den gekreuzten Füßchen und den Füßchen auf dem Kissen, das zugleich den schwebenden Saum eines Kleides darstellt. Ein kurzer Strich führt von der schmalen Fußspitze nach unten zum poetischen Entwurf und gibt dem ganzen Blatt eine spielerische Note. Dieser scherzhafte "Kurzschluss" eröffnet eine komplexe symbolische Perspektive. Der Strich ist weder ein Teil des dargestellten Gegenstands noch wird er eigentlich zum Buchstaben. Jedoch ist diese kurze Linie als graphische Pointe des Manuskripts beides, weil sie sowohl die gezeichneten Zehenspitzen (pointe) als auch das geschriebene Wort direkt verbindet. Als eine Spur des leichten Schreibfeder-Füßchens - als ein leichter Sprung - aufgefasst, impliziert dieser Strich den Vergleich des poetischen Schreibens mit dem klassischen Ballett, das Puschkin bekanntlich besonders mochte. Tanz ist hier als Körperkalligraphie und umgekehrt das poetische Wort als musikalischer, plastischer, sinnvoller und sinnlicher Tanz zu verstehen.
Wenn man von der äußerst persönlichen Neigung des großen russischen Dichters, die er auch in seinen Werken ironisch thematisierte, absieht, so waren die schlanken weiblichen Beinchen und zierlichen Füßchen in Spitzenschuhen für Puschkin wohl ein Inbegriff der klassischen Schönheit, die die vollblütige reizende Sinnlichkeit des Körpers mit dem strengsten Imperativ der Kunst versöhnt und sie ineinander gleichsam auflöst.








 
  Impressum und Kontakt
Wenn nicht anders genannt gilt für alle Inhalte: © Verein Zeitschrift Triëdere — 2009-2016.