Die Unheimlichkeit des Humanen

- Zur Subjektivität in Siegfried Kracauers geschichtsphilosophischen Überlegungen.
Von Matthias Schmidt


 
"Es fehlt leider heute sehr an dem Verständnis für die Unheimlichkeit der Geschichte."1
 

"Im übrigen ist die geschichtliche Wirklichkeit so reich an vielfältigen Daten, daß man durch sie fast alles belegen kann, was man beweisen will."2

Als Siegfried Kracauer 1966 in New York unerwartet verstarb, hinterließ er einen Torso geschichtsphilosophischer Überlegungen, der drei Jahre später unter dem Titel History. The Last Things Before The Last veröffentlicht wurde. Diese seduktive Bezeichnung steht für eine Reihe von teils unvollendeten Aufsätzen, die Kracauer erst im einunsiebzigsten Lebensjahr - ab 1960 - in Angriff nahm und die inhaltlich nur sehr unzureichend charakterisiert werden können als 'Geschichtstheorie', 'methodologische Reflexionen' oder gar als 'Forschungsbericht'. Denn eine geschlossene, in sich kohärente Theorie der Geschichte dürfte kaum Kracauers Absicht gewesen sein, obwohl seine Beobachtungen fundamentale Fragen der Geschichtsschreibung berühren. Und trotz der in etlichen Kapiteln eingenommenen Sicht des aktiven Historikers, die Fragen der Darstellung und Formulierung auf der selben Ebene wie der Kritik historiographischer Prinzipien ansiedelt, findet sich kaum ein breitzutretender Weg skizziert, dem Geschichtsschreiber sich vorbehaltlos anvertrauen könnten. Auch das illustre Ensemble von Geschichtstheoretikern (und Autoren wie Tolstoj und Proust), dem zumeist in quasi dialogischer Form ent- oder widersprochen wird, stellt unverkennbar eine persönliche Auswahl des Autors aus dem Schatz der Jahrhunderte dar, die keine repräsentative Vollständigkeit beanspruchen kann. Dieses Gemenge aus grundlegenden Ansichten, groben, doch schillernden Vergleichen und nüchternen Analysen hält sich ganz bewusst in einer komplexen Nähe zum Partiellen auf, den eigenen Ansprüchen von Theorie zum Trotz. Die Vielzahl der gewählten Formen, die Kracauers Aufsätze durchziehen, spiegeln dabei die unterschiedlichen Brechungen, die der Zugriff auf vermeintliche Allgemeinheit nach sich zieht. Insofern ist die Form in Kracauers "Geschichtsbuch"3, wie er es nannte, gar nicht zu trennen von den Fragen, die er darin sich selbst und anderen stellt, gleichsam als reiche der von ihm erläuterte Titel als Vorbehalt gegen allzu finite Erklärungsversuche nicht aus. "Verallgemeinerungen sind zerbrechliche Erzeugnisse, die sorgsam behandelt werden wollen"4 - lautet beispielsweise eine apodiktische Vagheit, die zwischen der relativen, da endlichen Allgemeingültigkeit der Theorie und dem Wissen um ihre Beschränktheit vermitteln soll. Diesem Wissen um Beschränktheit hinsichtlich der Geschichtsschreibung einen Weg wenn nicht zu bahnen, doch zumindest anzudeuten, ist die so zeitgenössisch wirkende Selbstanforderung Kracauers. Eine Verhandlung zwischen den vermeintlich distinkten Fronten von Philosophie, Geschichte - und Literatur- wie Filmwissenschaften - wurde daher auch seine unabschließbare Durchquerung jenes Zwischenbereichs, der Geschichtsschreibung nunmal sei.

Dieser komplexe Ausgangspunkt und die Schwierigkeit, dass Kracauers Vorgehen sich weitgehend Moden und Schulen entzog, waren Gründe für die nur spärlich erfolgte Rezeption des Textkonvoluts. Das individuelle Gepräge seiner Überlegungen, der willentliche Verzicht auf eine systematische Absicherung seiner Auffassungen und gewissermaßen seine ungeschützte Position des Fachfremden - Kracauer war zu Lebzeiten vor allem als Filmwissenschafter beachtet worden - führten dazu, dass weder der englische Originaltext ab 1969, noch die deutsche Übertragung von Karsten Witte ab 1971 in der akademischen Welt wirklich behandelt wurden. Bis auf wenige Besprechungen, die allerdings auf Kracauers ungewöhnliche Forderung nach einer "Genauigkeit im Approximativen"5 nicht eingingen, blieb ein Echo weitgehend aus.6 Während Adorno zwar versuchte, die Arbeiten Kracauers im deutschsprachigen Raum wieder anzusiedeln, gelang dies vor allem mit den frühen Essays, die Kracauer in den 1920er-Jahren in der Frankfurter Zeitung publiziert hatte und die ihn als Satelliten von Walter Benjamin, Ernst Bloch, dem damaligen Theodor Wiesengrund oder auch Max Horkheimer hätten zeigen sollen. Dass der Abstand dieser Intellektuellen untereinander größer war, als der vereinnahmende Kreis der Frankfurter Schule andeutet, zeigt sich beispielsweise daran, dass Kracauer sich bereits von den frühen Rezensionen Benjamins kaum verstanden fühlte und an Adornos Wirken unablässig Kritik äußerte, nachdem er sich bereits in den ersten Jahren seines Exils vom Institut für Sozialforschung distanziert hatte. Wenn zu Beginn der 1970er-Jahre dieser Dunstkreis zwar sicherlich ein prominenter war, für Kracauers Geschichtsbuch konnte er kaum förderlich sein. Die von ihm so selbständig gestellte Frage nach der generellen Möglichkeit von Geschichtsschreibung, sowie nach einer produktiv in Kauf zu nehmenden Unschärfe passten nicht recht ins Programm jener anderen und der dennoch beibehaltene, positive Glauben an Sinn - sei er noch so vorläufig - standen der Adornoschen Vorstellung von Utopie, die nach der Katastrophe in die letzten Winkel der Negativität gescheucht werden müsse, auffallend entgegen. Während Walter Benjamins Thesen über den Begriff der Geschichte intensiv diskutiert wurden, blieb Kracauers Geschichte. Vor den letzten Dingen weitgehend ausgeklammert. Dieser Umstand hat sich, betrachtet man die Bibliographie der beiden Autoren, verhältnismäßig auch heute nicht wesentlich verändert. Wo die Sekundärliteratur zu Benjamin nicht mehr zu überblicken ist, widerfuhr Kracauer ein konträres Schicksal, er blieb ein wohlinstitutionalisierter Geheimtipp.

Auch daraus erklären sich die übberschwänglich positiven Reaktionen auf die 2009 wiederveröffentlichte Schrift zur Geschichte, die im Rahmen einer neunbändigen Werkausgabe erschien - denn es gibt hier, trotz der weitgehenden Bekanntheit der Texte, einiges zu entdecken. Diese mehr als sorgfältig kommentierte Ausgabe soll mit Ende des laufenden Jahres abgeschlossen werden und verspricht den Zugang zum annähernd vollständig dokumentierten Schaffen Kracauers. Obwohl für diesen am Subskriptionsprospekt noch geworben wird, dass er einer der "bedeutendsten Intellektuellen der Weimarer Republik" sei, ist zu hoffen, dass dieser Fokus bald nicht mehr auf ein gutes Jahrzehnt seines Wirkens verengt bleiben wird. Thomas Meyer jedenfalls konstatiert in der Zeit, dass Kracauers Geschichtsbuch "ein bis heute aktuelles Angebot in Sachen 'Theorie der Geschichte'" sei.7 Euphorischer noch klingt Arno Franks affirmative Besprechung in der taz, die Kracauers Annäherung an die Unschärfe bereits als Hieb durch den gordischen Knoten der Geschichtsschreibung betrachtet.8 Dabei ist die vorschnelle Annahme der verlockend lapidar formulierten Wendungen Kracauers ebenso heikel, wie deren Ablehnung. Denn eine der entscheidensten Qualitäten von Kracauers Auseinandersetzungen bleibt, dass er seiner Leserschaft nicht verhehlen möchte, dass seine Meditationen zur Geschichtsschreibung keinen finiten Kern in sich bergen, vielmehr im Fluss bleiben sollen, als Gedankengänge im wahrsten Sinne des Wortes. Insofern liefern sie keine Lösungen, sondern behaupten gewissermaßen eine sinnvolle Schwankungsbreite an fallweise gerechtfertigten Vorgehensweisen, die allerdings kaum vorexerziert, sondern bestenfalls durch Fragen adressiert werden. Überlegungen, die mitvollzogen werden können, um in gewandelter Form auf ähnliche Problemlagen übertragbar zu sein, sind das Resultat von Kracauers prinzipieller Absage an prinzipielle Wahrheiten. Dabei ist noch wenig gewonnen, wenn dessen Vorgangsweise mit ungenauen Schlagwörtern wie 'Postmoderne' zusammengebracht werden, ohne dabei die Wendungen des Textes im einzelnen zu hinterfragen.9 Kracauers Formulierungen haben solche Kurzschlüsse allerdings nicht unwesentlich begünstigt, denn die Passagen, die auf die Vermittlung von Dogmatismus und Skeptizismus hinsteuern, sind des öfteren mit jünger anmutenden Ausdrücken wie "Utopia des Dazwischen", "Hohlräume"10 und einer generellen Tendenz zu paradoxen Diagnosen gespickt: "Die Quelle der voreiligen Verunglimpfung solcher Wahrheiten ist das tiefverwurzelte Vertrauen auf die unbegrenzte Reichweite des Allgemeinen. Aber dieses Vertrauen ist ungerechtfertigt; es wird von der Einsicht in die heterogene Struktur der geistigen Welt widerlegt. Wenn man diese Einsicht ernst nimmt, ist der Boden für die theoretische Anerkennung der namenlosen Möglichkeiten bereitet, von denen anzunehmen ist, daß sie in den Zwischenräumen der bestehenden Lehren hoher Allgemeinheit existieren und auf ihre Bestätigung warten."11

Die eigene Vorgehensweise hat Kracauer dementsprechend nicht mit einem Begriff bedacht, sondern an eine möglichst weitreichende, doch eminent wandelbare Vorstellung geknüpft, nämlich die einer ethisch verantwortungsvollen, immer wieder abwägenden Existenz. Die unmittelbar nachvollziehbare Erfahrung des immer wieder auf Aporien stoßenden, gelebten Lebens verspricht, so Kracauer, einer Komplexität gerecht zu werden, die in einem ambiguen Forschungsbereich wie der Historik als Ziel formuliert werden kann, ja formuliert werden muss. Tatsächlich läuft Kracauers Bemühung darauf hinaus, die Vergangenheit als ein Äquivalent dessen aufzufassen, was er unter Rekurs auf Husserl (beziehungsweise Blumenberg) "Lebenswelt" nennt12 - die Problematik der Geschichtsschreibung besteht nunmehr also darin, die Fülle des Gewesenen ohne starre Schemata zum Sprechen zu bringen. Sein Misstrauen gegenüber großflächigen Begriffen führt ihn dabei dazu, eine Reihe von Problematiken innerhalb der Geschichtswissenschaft zu behandeln (zB das Verhältnis von Mikro- und Makroperspektive; von Projektion bzw. Rezeptivität des Historikers; der Frage nach der Wissenschaftlichkeit der Historik, etc.) und diese als Verhandlungen darzustellen, innerhalb derer es eine gangbare Zone des in Schwebe gehaltenen Kompromisses gibt. Diese prinzipiellen Erwägungen vereinen dabei gleichermaßen einen ethischen Anspruch - denn die Totalität des Begriffs berge, nach Kracauer, das mitunter gefährliche Potential des Dogmatismus - mit einem methodischen, der innerhalb einer Sequenz von Dilemmata zu individuellen Entscheidungen nötigt.

Bemerkenswert ist daran nun allerdings, wie diese Forderung, die letztlich eine Forderung an Texte ist, in Kracauers Geschichtsbuch selbst umgesetzt wird. Anlass dazu gibt in erster Linie das Vorwort, das Kracauer gleichsam als Absichtserklärung einige Jahre vor der Abfassung der weiteren Kapitel niedergeschrieben hat. Darin wird en passant die höchst persönliche Stimme des Autors Kracauer mit der soeben formulierten Zielvorstellung von reflektierter Perspektivität amalgamiert und zusätzlich durch eine historische Anleihe illustriert, nämlich durch den überlieferten Charakter des Erasmus von Rotterdam. In dieser Überlappung finden sich in nuce jene Anstoßpunkte, die Kracauer als seine triftigen, selbständigen Einsichten gegen Ende des Konvoluts entwickelte, vorgefasst. Anspruch wie Aspiration liegen dabei nahe beisammen und bestehen in einer Vorgangsweise, die das beständige Anfangen, Überdenken und Reformulieren von Erklärungen und Verstehensversuchen vorsieht. Geschichte erweist sich dabei als ein geeignetes Betätitgungsfeld: "Grob gesagt gilt mein Interesse dem statu nascendi großer ideologischer Bewegungen, jenem Zeitraum, da sie noch nicht institutionalisiert waren, sondern sich mit anderen Ideen um die Herrschaft stritten."13 Dieses beständige Neuanfangen ist bekanntlich aber schlichtweg unpraktisch, wie sich auch die umsichtigste Lehrmeinung noch zu einem starren Konstrukt arretieren lässt. Kracauer meint daher: "Die Geschichte der Ideen ist eine Geschichte von Mißverständnissen. Anders ausgedrückt, eine Idee bewahrt ihre Integrität und Fülle nur so lange, wie sie der Verfestigung eines weithin sanktionierten Glaubens ermangelt. Vielleicht ist es die Zeit ihres Anfangs, die die größte Transparenz gegenüber den Wahrheiten hat, auf die sie inmitten der Zweifel zielt."14 Unauffällig wird der eigene methodische Anspruch hier mit einer Nähe zur Wahrheit korrelliert, die für jegliche historischen Konstellationen mit einer gewissen Vieldeutigkeit und Unerschöpflichkeit einhergehe. Dass diese graduelle Annäherung an die Komplexion von Wahrheit nicht mit einer skeptischen Diffusion des Sagbaren zusammenfällt, verdeutlicht dabei der Bezug zu Erasmus. Dieser wählte, so Kracauer, "inmitten der Zweifel" einen Weg, der sich nicht auf Konfessionen einschränken ließ und bewegte sich zwischen den Fronten institutionalisierter Überzeugungen, indem er seine Urteilsfähigkeit nicht derjenigen von kollektiven Doktrinen überantwortete. Das vitalistische Bild des stetigen Anfangs verschränkt dabei erneut die theoretische Arbeitsweise mit der tatsächlich gelebten Haltung: "Die Botschaft, die ich meine, spricht von der Möglichkeit, daß keiner der widerstreitenden Standpunkte das letzte Wort sei zu den letzten Fragen, um die es geht; daß es im Gegenteil eine Weise des Denkens und Lebens gibt, die, sofern wir ihr Folge leisteten, uns gestattete, daß wir uns erschöpfend durch die Standpunkte hindurcharbeiten, um uns ihrer zu entledigen - eine Weise, die in Ermangelung eines besseren Ausdrucks oder eines Ausdrucks überhaupt human zu nennen wäre."15 Das Humane, in diesem Sinne, ist gleichzeitig eine konkrete, reflexive Mindestanforderung wie auch die positive Zielvorstellung, dass vorläufige Positionen zu schaffen seien, die einen Umgang mit (hier: historischen) Problemen ermöglichen, ohne der fluktuierenden Vorstellung von stets vorläufigem Sinn zu entsagen. Diese theoretische Humanität ist für Kracauer nicht nur als metaphorische Figuration ernst zu nehmen - sie vereint zwar die intentionale Subjektivität des Autors, die strukturelle Perspektivität des perpetuierten Anfangs und die historische Paradoxie einer nach wie vor flüssigen Personalität des Erasmus; - letztlich zielt diese Verschränkung aber darauf ab, zwischen den facta bruta der Lebenswelt und den hohlen Ideen Zwischenglieder zu erdenken, die enger gefasste Ausschnitte der Realität beschreiben und trotz ihres beschränkten Anspruchs für einige Zeit tragfähig bleiben können. Unter diesem Aspekt schaltet Kracauer seine eigenen, schriftstellerischen Ambitionen mit dem 'seiner' Humanität kurz: "Sie [seine bisherigen Bemühungen] alle dienten und dienen noch einzig der Absicht, jene Ziele und Verhaltensweisen zu rehabilitieren, die noch eines Namens ermangeln und folglich übersehen oder falsch beurteilt werden. Vielleicht trifft das weniger für die Geschichte zu als für die Photographie, obwohl auch die Geschichte eine Geistesrichtung kennzeichnet und einen Bereich der Wirklichkeit abgrenzt, der, ungeachtet all dessen, was über ihn geschrieben wurde, immer noch auf weite Strecken terra incognita ist."16 Der provisorische Name für das "Humane" und jene Inseln an Sinn "inmitten der Zweifel", die überhaupt erst als solche erdacht werden müssen, entsprechen sich programmatisch.

Allerdings wurde der somit umrissene Komplex des Humanen, der in Kracauers Geschichtsbuch auf dem Spiel steht, bisher meist überschattet, indem die geforderte Subjektivität auf die Person Kracauers bezogen wurde. Vor allem Adornos Porträt Der wunderliche Realist. Über Siegfried Kracauer17, das er anlässlich Kracauers 75. Geburtstag für eine Rundfunksendung verfasste, hat diesen Eindruck naheliegend erscheinen lassen. Obwohl Adorno das Geschichtsbuch zu diesem Zeitpunkt nicht kennen konnte, entsprach er mit seiner Deutung einem Spleen Kracauers, da dieser sich gerne als Exterritorialen aufgefasst wusste. An Adorno schrieb er daher am 25. Oktober 1963: "Lieber Teddy: [...] Etwas an Deiner Ankündigung hat mich aber im wörtlichen Sinne tief erschreckt - daß die Sendung aus Anlaß meines 75. Geburtstages erfolgen soll [...] Ich bitte Dich inständig darum - and I mean it - bei Deiner Sendung meines Alters mit keinem Wort zu gedenken. Hier handelt es sich bei mir um eine tief eingewurzelte, ganz persönliche Sache. Nenne es eine Idiosynkrasie - aber je älter ich werde, um so mehr sträubt sich alles in mir gegen die Exhibition meines chronologischen Alters. Natürlich weiß ich um die Daten, die immer ominöser werden; doch so lange sie mir nicht öffentlich gegenübertreten, nehmen sie wenigstens nicht den Charakter einer unauslöschlichen Inschrift an, die jeder, mich eingeschlossen, immerfort sehen muß. Zum Glück kann ich die chronologische Fatalität noch ignorieren, und das ist unendlich wichtig für den Fortgang meiner Arbeit, meine ganze innere Ökonomie. Meine Art der Existenz würde buchstäblich aufs Spiel gesetzt, wenn die Daten aufgeschreckt würden und mich von außen her überfielen [...] Der Ausdruck Idiosynkrasie ist vielleicht ungenügend, weil er gewöhnlich eine nicht weiter begründbare Aversion physiologischer oder psychologischer Art deckt. In meinem Falle handelt es sich eher um ein alteingewurzeltes Bedürfnis, exterritorial zu leben - sowohl im Hinblick auf das intellektuelle Klima wie auf die chronologische Zeit. Darum liegt mir New York, weil es diese Exterritorialität ermöglicht; darum suche ich der chronologischen Etikettierung zu entgehen. Es ist nicht, als ob mir etwas daran läge, jung oder jünger zu erscheinen; es ist einzig die Scheu davor, durch die Fixierung des Datums und die unvermeidlichen connotations einer solchen Fixierung der chronologischen Anonymität entrissen zu werden."18 Adornos Charakterisierung vertraute dementsprechend auf eine derartige Einschätzung: "Wie Kracauers Selbstverständnis des Individuellen aussah, projizierte er auf Chaplin: er sei ein Loch. Was da die Stelle von Existenz eroberte, war der Privatmann als imago, der Sokratische Sonderling als Ideenträger, ein Ärgernis nach den Kriterien des herrschend Allgemeinen."19 Verwunderlich genug, dass Adorno abschließend konstatieren konnte, Kracauers "Motivschatz" verfüge nicht über ein "Aufbegehren wider die Verdinglichung"20. Er hielt Kracauers Selbstbeschreibung eher für eine Spielweise der Eitelkeit, denn für eine reflektierte Ansicht - denn unter Verzicht auf eine radikale Dialektik sei von durchschautem Schein einfach nicht auszugehen. Diese Spitze findet eine späte Erwiderung in Kracauers Geschichtsbuch, wo Adornos Negative Dialektik als verstiegener Selbstzweck mit willkürlichen Folgerungen kritisiert wird.21

Gewissermaßen Kracauers autobiographischer Retouchierversuche zum Trotz verbietet sich eine vorschnelle Identifikation jenes schillernden Konstrukts des Humanen mit der Person des Autors. Und auch stilistisch lässt sich beobachten, wie die scheinbaren Kommentare des Verfassers vielmehr dem Duktus einer Erzählinstanz verfallen und zusätzliche Distanz zwischen dem telos solch einer Humanität und der faktischen Erreichbarkeit suggerieren. Vielmehr allerdings noch als diese subtilen Andeutungen steht einer biographistischen Lektüre der Umstand entgegen, dass die Rolle dieser lebensweltlich-geweiteten Subjektivität nicht diejenige einer Absicherung ist. Denn während der Rückzug auf konkrete Lebensumstände interpretativen Halt geben sollte, hebelt Kracauers Figuration die Frage nach derartiger Begründbarkeit grundlegend aus. Der offensichtliche Mangel an kohärenten Kausalketten im lebensweltlichen Vollzug lasse es nämlich generell unwahrscheinlich werden, dass bezogen auf einen historischen Gegenstand, und sei es auch eine Biographie, stichhaltige Deduktionen angestellt werden könnten.22 Die Fehlbarkeit der persönlichen Erinnerung im Gegensatz zu einer wissenschaftlich-kugelsicheren Vorgehensweise des Historikers macht eine wichtige Grundambivalenz im Geschichtsbuch aus und vermag zu illustrieren, inwiefern das Ideal eines humanen Agierens von skeptischen und relativistischen Tendenzen bedroht bleibt. Kracauer selbst erwähnt die Anekdote, dass ihm der Zeitraum der Weimarer Republik durch die Augen eines jungen Historikers völlig befremdlich erschien.23 Obwohl alle Beobachtungen und Fakten des Historikers zutrafen, bestand für Kracauer ein immenser Unterschied hinsichtlich seiner partiellen Sicht und einer retrospektiven, historiographischen Perspektive. Bemerkenswert an dieser Stelle ist, dass Kracauer keine Wertung vornimmt und beide Formen des Zugriffs als defizitär erscheinen lässt. Was dem historischen Blick an Übersicht zukam, machte das Erinnerungsbild durch die Einschätzung der damaligen lebendigen Spannungsverhältnisse wett. Oder besser: die subjektive Sichtweise Kracauers war außerstande, generelle Schlüsse anzustellen, während der allgemeine Blickwinkel mortifizierend wirkte und die funktionalen Zusammenhänge verfehlte. Historische Darstellung müsste insofern einen Kompromiss leisten. Kracauers Vorstellung einer in Vieldeutigkeit und Wandelbarkeit bestehenden Wahrheit, der sich eine flexible, ihrer Endlichkeit bewusste Forschung anzunähern hätte, lässt sich dabei mit den Mängeln der persönlichen Erinnerung zusammendenken. Während die starre Kategorisierung und Schematisierung auf große Teile dieser Wahrheit verzichten muss, stellt das Konzept der Humanität ein gemäßigtes Gegensteuern dar. Problematisch ist dies allerdings vor allem dort, wo die Perspektivität, wie diese beispielhaft in der Erinnerung gegeben ist, auch Risiken birgt - Risiken der Deformation, der Projektion, oder der Relativität - und somit nicht (ausschließlich) zum methodologischen Vorbild für Geschichtstheorie werden kann. In Kracauers Ausführungen lässt sich diese Bewegung, als Ankämpfen gegen eine negative Relativierung von historischem Sinn, deutlich ausmachen in seinem verschwiegenen Dialog mit den späten Überlegungen von Walter Benjamin. Dieser hatte seit Mitte der 1930er-Jahre an einer Reformulierung der Geschichtsschreibung gearbeitet, die er vor allem aus einer intensiven Beschäftigung mit Erinnerungstheorien speiste. Dabei verabschiedete er die Vorstellung einer chronologisch aufzuarbeitenden Geschichte, die in schlüssige Zusammenhänge zu bringen wäre - vielmehr bestehe historische Einsicht aus schockartigen Erkenntnissen, die sich unwillkürlich einstellten, sofern die Gegenwart des Betrachters mit Fakten der Vergangenheit in eine entsprechende Konstellation treten. Demgemäß wich der Anspruch auf erklärende Vollständigkeit auch einem ethischen, ja eschatologischen Moment, wonach die Vergessenen und die unterdrückten Hoffnungen vom Historiker 'gerettet' werden sollten. Dieses schwer zu generalisierende und hauptsächlich auf Konstruktion fußende Modell allerdings birgt, für Kracauer, einen Abgrund der Relativität, die aus dem Orkus der Erinnung erwächst. Wie prägend dieser Ansatz für Kracauer dennoch war, wird allein schon aus der Tatsache deutlich, dass alle Grundanliegen Benjamins im Geschichtsbuch auftauchen: von Benjamins "Ideen" des Trauerspielbuches24, über die schockartige Stillstellung der Geschichte im verdichteten Bild25, dem 'Sammeln' um der Toten willen26, der methodischen Absage an den Fortschritt27, dem Anschreiben gegen die Homogenität von Geschichte28 bis zum Festhalten an den "lost causes"29. Benjamin selbst wird dabei kaum genannt und dennoch handelt es sich um ein respektvolles Abwägen durch Kracauer, denn etliche Motive, wie das Mitleid mit den Toten, werden relativ unkommentiert übernommen, als wollte Kracauer an diese selbst bloß erinnern. Andere, wie ein theologischer Anspruch an Geschichte, werden genannt, ohne gewertet zu werden - wobei gerade dieser theologische Aspekt als das Jenseits von Kracauers Versuch, sich vor den letzten Dingen aufzuhalten, seinen Platz hat.30 Kritik äußert er allerdings an der Ausschließlichkeit von Benjamins Auffassung, die eine Form der diskontinuierlichen Geschichtsschreibung als ultima ratio ansetze.31

An dieser Stelle wird deutlich, dass Kracauers Suche nach gangbaren Kompromissen sich gegen die unheimlichen Abgründe seiner eigenen Voraussetzungen, denjenigen der Humanität, richten muss: "Aus dem bisher Gesagten folgt, daß kein Pflock vorhanden ist, an dem der subjektive, im Schreiben von Geschichte wirksam werdende Faktor mit irgendwelcher Gewißheit festzumachen wäre."32 Von diesen Vorüberlegungen ausgehend wären nun Kracauers methodische Vorschläge zu untersuchen, wie er sie beispielsweise in der Korrelation von photographischen Techniken und Geschichtsschreibung angedeutet hat. Allerdings zeigt sich aufgrund der komplexen Voraussetzungen auch, dass Kracauer durch seine intensiven Betrachtungen zur Rolle der Erinnerung und die Schlüsse, die er als "Humanität" daraus ziehen wollte, sich weit in allgemeine Gefilde hinausgewagt hat. Gegen Ende seiner Notizen zitiert er eine bewundernd sich bescheidende Aussage Burckhardts gegenüber Nietzsche, wonach sich der Historiker stets auf entfernte Sinnbilder dessen beschränkt habe, was als Abgrund in jedem Forscher lauere. Nietzsche hingegen wandle sicher auf den "schwindelnden Felsgraten"33 des Denkens und blicke unerschrocken in diese Tiefen selbst hinab. Kracauer hat damit selbst relativ genau angegeben, zwischen welchen Punkten er seine Überlegungen angesiedelt sah. Von diesem Ort aus allerdings stehen noch etliche Relektüren seiner Reflexionen aus - es bleibt zu hoffen, dass der Zeitpunkt dafür ein günstiger ist.






1) Siegfried Kracauer: Geschichte - Vor den letzten Dingen. In: Ders.: Werke. Herausgegeben von Inka Mülder-Bach und Ingrid Belke. Band 4. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2009. 440. Im Folgenen zitiert als: Kracauer.
2) Ebd., 134.
3) Ebd., 435.
4) Ebd., 185.
5) Ebd., 234
6) Für eine Auflistung der Rezensionen vgl. das Nachwort der Herausgeberin in: Kracauer, 610-615.
7) Thomas Meyer: Kalkulierte Unschärfe. In: Die Zeit, Ausgabe vom 4. Februar 2010.
8) Arno Frank: Mut zur Unschärfe. In: taz, Ausgabe vom 6. Juni 2010.
9) So beispielsweise Tobias F. Korta in: Geschichte als Projekt und Projektion. Walter Benjamin und Siegfried Kracauer zur Krise des modernen Denkens. Frankfurt am Main: Peter Lang 2001. Auffallend sind allerdings die Korrespondenzen zum Anspruch des späten Wittgenstein, vgl. zB Kracauer, 208.
10) Kracauer, 238.
11) Ebd., 235.
12) Ebd., 108.
13) Ebd., 14.
14) Ebd., 14f.
15) Ebd., 16.
16) Ebd., 12.
17) Theodor W. Adorno: Der wunderliche Realist. Über Siegfried Kracauer. [1964] In: Ders.: Noten zur Literatur. Gesammelte Schriften. Herausgegeben von Rolf Tiedemann. Band 11. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1997. 388-408.
18) Vgl. Christian Linder: Im Niemandsland. Spaziergänge mit Siegfried Kracauer durch Ruinen der Moderne. In: Lettre International 75 (Winter 2006) 56-64.
19) Adorno, Der wunderliche Realist, 393.
20) Ebd., 408.
21) Kracauer, 220.
22) U.a.: Kracauer, 192.
23) Kracauer, 99.
24) Ebd., 110.
25) Ebd., 114.
26) Ebd., 150.
27) Ebd., 152.
28) Ebd., 158f.
29) Ebd., 218.
30) Vgl.: Inka Mülder-Bach: "History as Autobiography: The Last Things Before the Last." In: new german critique. Number 54 (Fall 1991) 139-157, hier: 153.
31) Kracauer, 171.
32) Ebd., 90.
33) Ebd., 231.

 
 
  Impressum und Kontakt
Wenn nicht anders genannt gilt für alle Inhalte: © Verein Zeitschrift Triëdere — 2009—2017.