Das Hermetische der Idylle

Zu Lorenz Langeneggers 'Hier im Regen'
von Alexander Sprung


Die geometrische Form der Idylle ist der Kreis: Der Kreis der Familie, der Freunde, des Landes, der Sprache. Die Kreise werden früh gezogen: Die Familie kann man sich nicht aussuchen, in den Freundeskreis und das Land wächst man hinein, von der Sprache wird man besprochen. Der beschränkte Held Jakob Walter in Lorenz Langeneggers Prosa-Debüt Hier im Regen wohnt im prototypischen Raum der Idylle: der Schweiz. Seit 10 Jahren lebt er in einer "Zweckehe" (162) mit seiner anspruchslosen, ihn bemutternden Frau Edith, zieht eine Schildkröte groß und arbeitet als Aushilfskraft im Finanzamt Bern.
Am Morgen Zeitung lesen, den immergleichen Tee trinken, in die immergleiche Arbeit in der immergleichen Stadt gehen. Im Trott fühlt Jakob Walter sich wohl, wie die Schildkröte steckt er einmal im Jahr zaghaft den Kopf aus dem Panzer: Er fährt auf Urlaub. Eine Reise mit Rückfahrgarantie, zurück in sein bescheidenes Leben mit Edith, der Zeitung, dem Tee und der Schildkröte.
Diese jedoch stirbt. "Plötzlicher Schildkrötentod." (16) Und mit ihr seine alten Gewißheiten: "Warum leben ich in Bern?"; "Warum bin ich noch nie in der Aare geschwommen?"; "Warum kann ich mir so leicht ein Leben ohne Edith denken?" In der Kneipe, wo er sich bei seinem Jugendfreund Rolf entspannen will, sitzt nur die ständig betrunkene Ruth, die ihm eröffnet, dass Rolf seit einigen Tagen vermisst wird. Wahrscheinlich beim Schwimmen ertrunken. Also ausbrechen. Die Lebensfrage klären. Wie das Treibholz an der Aare wird er an den Bahnhof geschwemmt, löst ein Ticket "ohne Rückfahrkarte" nach Locarno, ohne selbst zu wissen warum und grübelt im Zug über die unmöglich zu lösende Frage nach, wie er zu seinem Leben mit Edith in Bern gekommen ist. In Locarno mietet er sich ein Zimmer in einer kleinen Pension, wo er hofft seine Lebensfrage zu klären. Wie in einem Karussel ist Jakob Walter in Bern im Kreis gefahren, von seiner Wohnung zur Arbeit und zurück, unterbrochen nur durch Urlaube "auf Zeit" mit Hin- und Rückfahrkarte. Jetzt könnte er "ein Schiff besteigen und nach Korsika übersetzen" oder "sich im korsischen Hinterland (...) Separatisten anschließen." (72) Aber die Möglichkeit eines Abenteuers macht ihm Angst. Zu seinem Unglück trifft er in Locarno auf einen ehemaligen Arbeitskollegen, Frank Bochsler, der ihn zu sich nach Hause einlädt. Nach einer Grillfeier schaltet Bochsler, der Parteisekretär der christlichen Volkspartei den Fernseher an, da er sich ├╝ber die politischen Geschehnisse am Laufenden halten möchte. Statt Politik aber die Nachricht: Bern ist überschwemmt. Walter glaubt, im Hochwasser Rolfs toten Körper im Wasser liegen zu sehen und reist überstürzt ab. Nach einer durchwachten Nacht an der Seite von Rolfs verwitweter Ehefrau Anna, kehrt Walter nach Hause zurück. "Walter räumt den Tisch ab, putzt die Zähne, zieht die Schuhe an und geht zur Arbeit, wie er jeden Montagmorgen zur Arbeit geht." (167)

Formal wird die zyklische Form der Erzählung durch die banalste aller Voraussagen, am Beginn und am Ende, durchgespielt: dem Wetter. "Das wäre eine angenehme Frage zum Aufstehen: Wie wird das Wetter heute?" (9) Die Antwort: schlecht. Und damit beginnt die Erzählung und Jakob Walters Schlechtwetterphase nimmt seinen Lauf, bis zum letzten Satz der Erzählung: "Die Meteorologen schreiben in der Zeitung von Aufhellungen im Verlauf des Tages und versprechen für den Nachmittag die ersten Sonnenstrahlen." (167) "Das Wetter ist aus der Gegenwartsliteratur verschwunden", schreibt Iris Radisch in der Zeit. Nicht von ungefähr beginnt einer der großen Romane der Moderne Robert Musils Mann ohne Eigenschaften mit dem wohl denkbar umständlichsten, schwerfälligsten Duktus über das Wetter. Es ist keine Bedrohung, keine beseelter anthropomorpher Heils- oder Glücksbringer mehr, sondern Gegenstand der Meteorologie, dessen immer genauere Voraussagen die Frage "Wie wird das Wetter heute?" eigentlich überflüssig machen würde, wäre sie nicht die unverfänglichste aller menschlichen Friedensstifterinnen: Wenn zwei über das Wetter reden, dann ist es gut. Ein Streit ist in weite Ferne gerückt, ein jeder scheint auf der Höhe der Zeit, in einer Zeit, in der man sich beeilen muss, will man auf jener bleiben. Am Besten natärlich, das Wetter ist schön. Denn wenn es in der Literatur hagelt, stürmt, schneit, blitzt, donnert, dann ist Unheil im Verzug. Flauberts Madame Bovary wäre ohne das Wetter nicht denkbar. In Stifters Erzählungen ist es das unkontrollierbare des (schlechten) Wetters, das in die sonst so idyllischen Landschaften Böhmens einfällt, die die Erzählungen in Gang setzen. Natürlich nur solange, bis es wieder schön ist. Dann kann auch die Erzählung enden.
Stifters letzte Geschichten, die Idyllen des frommen Spruchs und des Kuss von Sentze spielen in einem klimatologisch leeren Raum: Die Idylle verträgt das schlechte Wetter und die Erzählung, die sie auslösen könnte nicht. Das machen diese Schönwetterzählungen auch so schwerfällig und unglaubhaft.
Daher setzt in Hier im Regen auch ein andauernder Regenfall ein, der zur Überschwemmung Berns führt und als reißender Fluss zu einem Unheilsbringer wird, der die Erzählung in Gang setzt und von dessen Fliehkraft Jakob Walter, dieser Mann ohne Eigenschaften, aus seinem idyllischen Leben geschwemmt wird. Nichts hat dieser Mann in seinem Leben aktiv gestaltet und für seine einzige heroische Tat - er hat seinem Vorgesetzten Meier vor Jahren den Kiefer gebrochen - hat er "keine Erklärung." (89) Nur einmal dämmert ihm beiläufig, bei der Betrachtung einer alten, reaktionsschwachen Fliege, sein zukünftiges Schicksal: "Sie lebt nur noch, denkt Walter, weil es sie in einen Zug verschlagen hat, wo weder Fisch noch Vogel nach ihr schlagen." (60) Der Preis für diese hermetischen Innenräume und das Überleben ist die Trägheit. Als sie "ein Bein hebt und sich damit über den Kopf streicht", weiß er aber nicht, ob er darüber erfreut sein soll. (60)
Auf den letzten Seiten wird klar, worin das Heil für Jakob Walter besteht: Im rituellen Vollzug seiner alltäglichen Verrichtungen. Wie das Gespräch über das Wetter, das Teetrinken, das In-die Arbeit-Gehen, ist das Zeitungslesen an sich - als rein gestische, von jedem Sinn befreite Tätigkeit - der Garant seiner Idylle.
"Er imitiert das Zeitungslesen. Es braucht keine Anstrengung, die allmorgendliche Übung erleichtert es ihm, die Handlungen eines Zeitungslesers auszuführen, ohne dass er sich die Abfolge der Bewegungen überlegen muss. Sein Blick wandert von oben links nach unten rechts. Er feuchtet mit der Zunge vor jedem Umblättern den Zeigefinger und den Daumen der linken Hand an." (159)
Langenegger will seine Figur nicht entlarven oder bloßstellen. Die personale Erzählweise bleibt immer auf der Höhe der Figur und schildert minutiös und liebevoll die kleinen ideosynkratischen Ausbruchsversuche seines Schweizer Spießbürgers. Dabei kippt der Ton nie ins Denunziatorische, Lächerliche. Er unterscheidet sich darin auch von seinem Verlagskollegen Xaver Bayer, der den Identitätsverlust und das Im-Kreis-Gehen seiner Figuren in einem unterkühlten und leidenschaftslosen Ton schildert. Langeneggers Buch ist keine Anklage.
Langeneggers "erzählerische Gerechtigkeit" erstreckt sich auf jede noch so ideosynkratische Eigenheit Jakob Walters. Fast ist alles zu niedlich: Die Schildkröte, das Teetrinken, die unspektakuläre Frage "Warum lebe in in Bern?"
Die Lust an der Stilsicherheit und der Genauigkeit, an dem feinen, leisen Humor wird beim Lesen ein wenig gedämpft, wenn einem die Frage aufkommt, was dieses Buch eigentlich will. Der Spott, den der Autor über seine Figur ausgießt, bleibt immer liebevoll, beinahe denkt man, hier werde ein ideales Leben geschildert - nein, das Buch ist weder eine Handkesche Heilserzählung über die kleinen Dinge noch eine Jelineksche Anklage gegen den (patriachalischen) Spießbürger. Es ist eine kleine, flüssig zu lesende Erzählung, die Langenegger hier geschrieben hat. "Dies ist ein Buch, das zu Herzen geht und dort auch bleibt", heißt es unbestimmt-kitschig auf dem Klappentext des Buches. Wenn es etwas zu beanstanden gäbe, dann vielleicht, dass der Erzähler uns die eine spießige Welt ein wenig zu unkritisch-behaglich schildert. Dieses Unbehagen wird aber durch den souveränen Erzählduktus mehr als aufgehoben.


Lorenz Langeneggers Roman Hier im Regen erschien 2009 im Verlag 'Jung und Jung', in Salzburg/Wien.
 
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