Der Knoten (Auszug)

Von Paul Ferstl


Ich muss mich sehr bemühen, wenn ich spreche. Jeder Laut, den ich von mir gebe, benötigt Konzentration. Immer wieder stocke ich im Gespräch. Ich weiß, dass ich dadurch ungewollte Eindrücke erwecke, obwohl mich die Ungeduld über die Unterbrechung meist schneller erreicht als meine Gegenüber. Also strenge ich mich an. Ich besitze keine eigene Sprache. Mein Vater bemerkte diesen Umstand schnell. Als wir uns kennen lernten, sprach er schon davon, bevor er noch anmerkte, dass ich kleiner war als er; und mein Vater pflegte sich hauptsächlich in Größen an Menschen zu erinnern und konnte diese auch auf den Zentimeter genau schätzen. Diese Schätzung konnte er, wenn sie an Frauen vorgeführt wurde, unter Einbeziehung oder auch Übergehung der Schuhe liefern. Die einzige Frau, die eine Zeitlang seinen Namen zu dem ihren hinzugefügt hatte, besaß Beine von leicht unterschiedlicher Länge. Mein Vater bemerkte also meine Sprache eher als meine Körpergröße. Spät erst warf er mir eine Zentimeterzahl entgegen, nach deren Richtigkeit er sich in einem selbst gesetzten Denkmal an Lässigkeit nicht einmal erkundigte.
"Das sind vier Zentimeter weniger," sagte ich.
"Ja," nickte er würdevoll, "du hast Recht."
Wir hatten Sätze des Verständnisses ausgetauscht.
Es konnte keine Überraschung für ihn gewesen sein, mich bei diesem gesellschaftlichen Anlass vorzufinden und von einer Kollegin aus der Personalabteilung offiziell vorgestellt zu bekommen — der Posten, den ich zu Beginn inne hatte, war hoch genug, um von der Chefetage persönlich einen Segensspruch und Zustimmung zu benötigen. Zwischen fremden Menschen in Abendkleidung trafen er und ich ein erstes Mal aufeinander — beide in dunklem Grau, beide maßgeschneidert und ansonsten ohne viel an Ähnlichkeit.
Die vorstellenden Worte fielen. Er sah mich an und wusste es. Es war ihm keine Nervosität oder besondere Betroffenheit anzumerken. Ich stand fest auf meinen Füßen und wartete ab. Wir dienten zu dritt das Nötigste ab, dann wurden die Kollegin und ich entlassen. Als wir kehrt machten, hielt er mich auf:
"Bleiben Sie doch noch ein wenig."
Wir standen eine Weile schweigend da und musterten einander. Er war damals ungefähr Mitte Fünfzig, braungebrannt und schlank. Die schon ergrauten Haare waren etwas zu lang und gelockt. Er sah aus, als würde er an einem kroatischen Strand Tretboote verleihen. Nur der Anzug störte. Ich wusste noch nicht, dass er im trauten Heim gerne lose Pullover aus Strickgarn trug, noch dazu mit V-Ausschnitt.
"So ist das also," sagte er und hob kurz die Schultern, "auch gut."
Es schien als bemühte er sich, ein Freund von vollendeten Tatsachen zu werden.
"Zeigen wir einmal unsere Gesichter," sagte er, nahm mich an der Schulter — ich spürte dabei nur ein leises Unbehagen — und führte mich einer kleinen Gruppe Umherstehender zu.
In der folgenden Stunde wurde ich geprüft. Er stellte mich vielen Leute vor und achtete auf jedes Wort, das ich sprach. Ab und an überzeugte er sich davon, dass ich alle Namen behielt und jeden auch nur einmal gesehenen Menschen auch später noch zuordnen konnte. Das war kein Problem — hatte ich doch schon vor Jahren gelernt, dass den Menschen das Gefühl, gekannt zu werden, wichtig ist; ganz gleichgültig, ob es sich dabei nur um eine Illusion handelte. Der Name war zu wissen, die Funktion, die Rolle, garniert mit Respekt und einer Andeutung von Wissen. Da ich das nicht allzu wichtig nahm und kaum von Vorlieben behindert wurde, merkte ich mir die Informationen leicht. Ich kannte alle Namen, einmal gehört.
Wir plauderten hier und dort. Meistens stellte er mich als neuen Kollegen vor, als neuen Mitarbeiter. Einem Freund gegenüber nannte er mich seinen Sohn, als probierte er es einmal vor dem Ankauf aus. Sein Freund lachte und wünschte mir ironisch einen schönen Abend. Mein Vater trank sparsam. Auch ich hatte den ganzen Abend lang dasselbe Glas in der Hand.
Ich wusste nicht, wann ich gehen sollte. Er wartete, bis sich die Gesellschaft aufzulösen begann, und nahm mich dann zur Seite. Einen Moment lang schwiegen wir, und ich wartete unschlüssig ab. Dann lachte er.
"Wer sind Sie eigentlich?"
Ich fühlte mich ein wenig irritiert, fast verspottet. Also wiederholte ich wie ein Idiot meinen Namen.
Er nickte, die Augen plötzlich schmal. Dann schenkte er uns beiden nach.
"Ja, ja," sagte er, "das sind Sie."
Ich schwieg und nickte.
"Ich weiß eine Menge über Sie," fuhr er fort, "und dann auch wieder gar nichts. Was wieder eine ganze Menge ist."
Als ich nichts dazu sagte, lachte er wieder.
"Wissen Sie eigentlich, dass Sie keine eigene Sprache haben?"
Was hätte ich darauf sagen können? Nichts.
"Sie haben heute in meiner Gegenwart mit dreizehn Leuten etwas länger gesprochen." Er hatte einen Hang zum Zählen. "Und da kommt schon einiges heraus. Sie sind leidlich intelligent. Sie sind sehr gut ausgebildet, haben Erfahrung für das Alter. Nicht schlecht. Und Sie tun auch überzeugend so, als wären Sie bescheiden — aber nicht so sehr, dass man Sie für einen Schwachkopf halten würde. Gut. Das weiß man. Aber sonst? Sie haben nichts Eigenes. Nicht wirklich."
Er trat ans Fenster und sah hinaus.
"Da gibt es so was Dichterisches. So viele Menschen man trifft, so viele ist man. Also irgendwie: Man spricht zu einem, und der bringt sich selbst so ein, dass man in Bezug auf ihn ein anderer ist, weil man mit ihm in Verbindung steht. Von wem das auch ist."
Er wartete, um mir die Gelegenheit zu geben mich aufzuspielen, das Zitat aufzuweisen. Ich sagte nichts. Er war nicht überrascht, aber angenehm berührt, das konnte ich sehen. Er ließ es fallen, verfolgte das Bildungsgeplapper nicht weiter und machte auch keine Fußnote.
Ich war nicht überrascht; aber auch angenehm berührt. "Gut — das trifft auf uns alle zu. Bei Ihnen aber ganz besonders. Nachdem ich Sie mit all den Leuten gesehen habe, habe ich das Gefühl, dass Sie — nichts Eigenes haben. Keine eigene Sprache."
"Vielleicht ist das eine Eigenheit?" schlug ich vor.
"Hm." Er überlegte. "Sie reden komisch mit mir." Was auch immer das heißen sollte. "Was ist das? Ihre Sprache, die Sie für Ihren Chef verwenden?"
"Vielleicht für meinen momentanen Chef?"
"Das stimmt nicht ganz." Er zündete sich die erste Zigarette des Abends an. Ich rauchte damals nicht.
"Natürlich stimmt es nicht ganz," sagte ich, "Sie sind mein Vater."
"Ich habe Sie gezeugt," antwortete er.
Ich verabschiedete mich. Er hatte mir ganz gut gefallen.



Erschienen in Triëdere 1/2013.



 
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