Heinz Pusitz: Ungescheiden

von Alexander Sprung

Die schönste Utopie ist immer noch die, in die die Sprache nicht hineinreicht. So bleibt mehr Platz für das Begehren. Der historische Stadteil Ungescheiden in Baden (NÖ) in Heinz Pusitz gleichnamigen "Forschungsbericht" ist so ein Raum. Der Erzähler, ein Ethnologe, findet auf einem Dachboden Geschichten über diesen historischen Ort, betrachtet Bilder, lauscht einem Stein und sitzt auf einer Terrasse, den Blick auf ungescheiden gerichtet, der sich ihm, je mehr er sich ihm nähert, umso mehr entfernt.
Der Titel deutet es an: Ungescheiden ist ein Ort, der nicht "von der Differenz lebt". In 33 "Versuchen" dringt der Erzähler in diesen Ort vor, auf einer Terrasse oder einer Parkbank sitzend, immer im Abseits, immer Beobachter, nie Teilnehmer. Hier gibt es ein jährliches "Klangfest", in dem die Sprache "ins Feuer geworfen wird", und die draus entstehende Stille die Bewohner "aufmerksam" macht. Theater im herkömmlichen Sinn wird nicht gespielt, denn die Ungescheidener brauchen die Illusion nicht "um dorthin zu gelangen, wo sie doch schon dort sind."
Aber gibt es sie, die Bewohner? Ist ungescheiden nicht vielmehr ein "Zustand" - ein Attribut? Ist es nichr vielmehr in ihm, im Chronisten und "das Schauen nach Innen das angemessene Erkenntnismittel"? Unterbrochen wird der scheiternde ethnologische Blick durch Durchbrüche einer Wahrnehmung ohne Subjekt: vom "wilden Wein bewachsene Bäume", der "graue Feuermauer eines Betonhauses", vom "wippenden Surren der Fliegen", wie dem "Schnurren der Katzen" ist da die Rede, unscheinbare wie wirkmächtige Epiphanien.

Es ist die Sprache selbst, die nicht an Ungescheiden heranreicht und die Pusitz immer wieder reflektiert. "Was kann Sprache erklären? Kann Sprache erklärt werden?" Lustvoll bringt dieses Skepsis Neologismen hervor, berauscht sich am Klang einzelner Wörter: "Der Huflattich ist ein Huflattich. Huflattich."

Im Zentrum steht die Liebe, ganz konkret auf Körperliches bezogen und letzter Ausweg des Chronisten und Ethnologen aus seinem aussichtslosen (oder -reichen?) Unterfangen. In einer Poetik der Indifferenz fallen Differenzen wie geile Körper aufeinander, die Lust als letzter Ausweg, mystisch überhöht. Der Erzähler und seine Geliebte Regina lieben sich am Felsen über Ungescheiden, nicht mehr "teilnehmender Beobachter", sondern levitiert, über Ungescheiden hinaus. Kein SEX, sondern "XES".

Was aber ist Ungescheiden nun? Auf dem Buchcover von ungescheiden findet sich ein Symbol eines nicht weiter genannten "Zenchiku" aus dem 15. Jahrhundert und zugleich das Wappen von Ungescheiden: Ein dünner Kreis, aus dem im unteren Drittel ein dicker Strich hinausragt. Kreis und Linie; Null und Eins, Unendlich und Endlich. Ist "Zenchiku" der gleichnamige japanische Autor zahlreicher No-Stücke? Dafür spricht sein Name, dagegen die Angaben seiner Lebensdaten. Der historische Zenchiku ist wahrscheinlich 29 Jahre (ca. 1470) früher gestorben. Pusitz hingegen lässt ihn ans 16. Jahrhundert anklopfen, macht aus ihm eine weitere Schwellenfigur. Nichts ist sicher, außer, dass es nicht sicher ist.

Am Ende sitzt der Erzähler im Cafe Metternich - wieder in der überschaubaren, kleinen Welt angekommen. Bereichert oder nicht bereichert? "Es gab nichts zu erklettern, alles war schon da, 'in' und 'außerhalb' von Ungescheiden, der Chronist verabschiedete sich von Ungescheiden." Was bleibt ist ein herzliches "Grüß Gott", an die Kellnerin im Cafe Metternich.


Heinz Pusitz' Forschungsbericht ungescheiden erschien 2010 im Labyrinth-Verlag in Wien.
 
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