Der Rabe

von Barbara Markovic


Großmutter, diese dicke Frau, lag im Bett. Es dämmerte, Belgrad war ganz verdreckt, wie immer, und weil es kein Geld für einen neuen Computer gab, waren wir gezwungen, in alten Ausgaben von 'Bazar' zu blättern. Auf die erste Testfrage mit der Überschrift 'Sind Sie langweilig?', die da lautete: 'Wie verbringen Sie meistens Ihre Freizeit?', antworteten wir, die Angehörigen, folgendermaßen: unter a) - wir kochen; und unter b) - wir sehen fern; und unter c) - wir telefonieren und lesen; aber wir sagten nicht, dass wir: unter e) - in aufregende Städte reisen; und unter f) - von Klippen hinunterspringen und Kajak fahren, wo nie zuvor ein Mensch Kajak gefahren ist, denn das wäre zu weit von der Wahrheit entfernt gewesen. Wir hatten es immer schon geahnt, und der Test bestätigte es endgültig, dass wir langweilig sind, in der Auflösung im 'Bazar' stand schwarz auf weiß: 'Sie sind langweilig', wirklich alle bis auf die Großmutter, die tot war, und das wussten wir, alle außer ihr. In den letzten zwanzig Jahren war es Großmutter, die immer vergeblich auf den Elektriker wartete, unsere Sachen durchstöberte, überprüfte, ob die Tür abgesperrt war und elektronische Geräte ausschaltete, aber eines Tages kam der Elektromeister, man könnte auch so sagen, es kam der Meister aus Deutschland, zog ihr Schwarzes über und ließ sie tot zurück. Nichtsdestotrotz, den Worten der Nachbarin beim Leichenschmaus zufolge, war die frisch verstorbene Großmutter froh darüber, dass sich so viele Menschen versammelt hatten, die Nachbarin behauptete sogar, Großmutter hätte niemals besser gekocht, und dass die Sarma mit Kohl vorzüglich schmeckte. Nachdem die Nachbarin sich in ihre Wohnung zurückgezogen und uns vor Großmutters Teller mit Kartoffelsalat und ihren unangenehm leeren Platz am Tisch zurückgelassen hatte, begannen wir mit dem Gedenken an die Verstorbene, zunächst vorsichtig, indem wir von [3] Großmutters Absichten sprachen, die im Gegensatz zu Großmutters Taten stets nur gut waren, ausschließlich die besten Absichten, und anschließend gingen wir mit Eifer auf die Anekdoten über und erzählten schlussendlich auch jene exotischste aller Anekdoten und zugleich die letzte aller Aktivitäten von Großmutter. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen. Als Großmutter den Computer zum ersten Mal sah, jauchzte sie vor Aufregung auf, und außerdem ließ sie eine Tasse aufgewärmten Kaffees fallen. Glücklich und zornig zugleich sprang sie über die Kabel drüber, die ihr 'eines Tages den Hals brechen' würden, wie sie zu uns sagte, neugierig wieselte sie im Haushalt herum und besiegelte die Inspektion mit der Bemerkung, dass dieses Ungeheuer viel Strom verbraucht, und wir ohnehin hungern, also wäre es besser zu sparen, statt Programm zu schauen. Wir dachten daran zurück und jeder von uns hatte seine eigene Version, statt den Kabeln waren, einigen von uns zufolge, Katzen auf dem Boden herumgelegen, und Großmutter hatte nicht die Kaffeetasse zerbrochen, sondern uns mit Pantoffeln beworfen, aber die Begegnung mit dem Computer sowie die Äußerungen über den Stromverbrauch einerseits und den Geldmangel andererseits waren in allen Varianten zu finden. Angeblich hatte Großmutter später unablässig die Computernutzer unter uns angefahren und sie gebeten, alles, was leuchtet auszuschalten und hatte damit gedroht, diese gesamte Vorrichtung zu zerstören, sobald sie einmal allein daheim wäre, trotzdem hatte sie sich danach dem Computer genähert und die Veränderungen am Bildschirm enthusiastisch beobachtet. Der Schnaps half nicht. Die Nacht war lang, und wir wussten nach wie vor nicht, wie es zur Schlussszene gekommen war, die wir vor zwei Tagen vorgefunden hatten, nachdem wir von der Silvesterfeier zurückgekehrt waren, als wir es zum ersten Mal riskiert hatten, Großmutter mit den Tieren und den Geräten alleinzulassen. Wir hatten vermutet, dass irgendetwas Schaden nehmen würde, aber wir hatten nicht daran geglaubt, dass alles draufgehen würde. Auch früher war es vorgekommen, dass der eine oder andere Vogel sich in der Freiheit wiederfand, und das eine oder andere Radiogerät im Müll, aber niemals so kollektiv und irreparabel. Wir bereuten unsere Leichtsinnigkeit, aber das führte zu nichts. Das einzige, was übriggeblieben war, war ein Haufen alter 'Bazar'-[5] Hefte und eine unerträgliche Monotonie, eine langweilige Einhelligkeit ohne Identität. Aus Ermangelung einer Antwort auf die Frage, wie der Papagei den Käfig verlassen und im Rechner gelandet war, was mit Großmutter und der Katze passiert war, waren wir gezwungen zu raten. Hatte etwa die Katze den Käfig geöffnet und Großmutter unabhängig davon den Deckel des Rechners aufgemacht, oder hatte Großmutter versucht, alle Tiere in den Computer hineinzuschieben, wobei sie einen Stromschlag erlitt? 'Am besten ist, wir denken nicht einmal darüber nach', sagten wir einander, aber es ist unmöglich, über ein so bizarres Bild nicht nachzudenken. Der Papagei eingezwängt im Ventilator neben der Festplatte, die Katze halb im Rechner, den Schwanz in Großmutters Hand, alles umgeworfen, zerbrochen, kaputt. Die Lämpchen endgültig ausgeschaltet, und tot alles, was einst lebendig war. 'Das müssen wir rekonstruieren', hatte jemand kurz vor dem Morgengrauen gesagt, und das klang vernünftig, dann schliefen wir der Reihe nach am Esstisch ein, in ihrem Teller der unberührte Kartoffelsalat.

Aus dem Serbischen von Mascha Dabic.
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Der Text erschien serbisch und deutsch in Triëdere 1/2009, Seiten 2 - 7. Da hier nur der deutsche Text wiedergegeben wird, zeigen die Seitenzahlen in eckiger Klammer jeweils die vorhergehende Seite an.
 
 
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