Das einzigartige Seins-Ereignis

Michail M. Bachtins Philosophie der Handlung
von Alexander Sprung


Philologen sind eine indiskrete Berufsgruppe. Während viele Autoren darauf bedacht sind, ihre Skizzen, Notizen, Zeichnungen und Listen, diese in der Form der Schrift sich vollziehenden vorläufigen Denkbewegungen in der Schublade verschwinden zu lassen, werden sie nach ihrem Ableben von Philologen wieder hervorgeholt. Als Michail M. Bachtin sich 1923 von der Philosophie der Handlung ab- und sich anderen Projekten zuwandte (Autor und Held in der ästhetischen Tätigkeit und Probleme in der Kunst Dostojewskis), hatten seine sie noch keinen Titel: Sie erschienen erst 1986 in Buchform unter dem englischen Titel Philosophy of the Act, einem etwas irreführenden Titel, weil er suggeriert, dass wir es mit einer ausgearbeiteten Philosophie zu tun haben, einem abgeschlossenen Werk, aus der sich so etwas wie eine philosophische Bestimmung Bachtins ableiten ließe. Bachtin hat seine Philosophie der Handlung allerdings nie abgeschlossen, sie bricht kurz nach Beginn des ersten Kapitels ab. Die ersten Seiten fehlen gar vollständig. Aus diesem Grund kann eine Kritik eines Fragment nur ein Anstoß sein, Bachtins philosophische Herkunft deutlich zu machen, anstatt eine Kritik an einem philosophischen System vorzunehmen, wie das z. B. Goedart Palm anhand Bachtins Aufzeichnungen versucht, nachzulesen unter folgendem Link.

Die jungen Moskauer Philologen, die einen Koffer mit Manuskripten Bachtins zu entziffern begannen, konnten wohl auch nicht ahnen, dass es fünfzehn Jahre dauern würde, bis die Arbeit abgeschlossen sein würde. Die deutsche Ausgabe der Philosophie der Handlung wiederum sollte noch um einiges länger dauern: Sie erscheint erst heute, mit einem Vorwort von Sylvia Sasse - welches leider unverändert aus einem Junius-Einführungsband von 2010 übernommen wurde. Das ist wohl unter anderem auch darauf zurückzuführen, dass das Interesse an Bachtin als Philosophen im Gegensatz zur russischen Rezeption im Westen lange Zeit unter der Einordnung Bachtins als Literaturwissenschaftler gelitten hat. Der im Jahr 1967 von Julia Kristeva veröffentlichte Artikel Bakhtine, le mot, le dialogue et le roman (Bachtin: Das Wort, der Dialog und der Roman) rezipierte Bachtin in erster Linie im Kontext der Intertextualitätsforschung und Ahnvater der poststrukturalistischen Literaturtheorie. Die Manuskriptseiten, die ihren Titel seinen Philologen verdanken, erstaunen bei einer ersten Lektüre: ist doch hier die Rede von einer "Ersten Philosophie", einer Ethik der verantwortlichen Handlung, die zumindest bis kurz vor Abbruch des Fragments die Literatur kaum zu Wort kommen lässt. So klar wie in sonst keinen anderen "Werken" ist diesen Manuskripten abzulesen, in welche Traditionen sich Bachtin einreiht, worauf sein Denken sich gründet und wovon er sich in weiterer Folge wegzubewegen beginnt. Und diese Erkenntnisse können durchaus zu einer Neubewertung Bachtins führen, die ihn nicht mehr so unverdächtig als Gründer einer postmodernen Literaturwissenschaft ausweisen lassen.

Das Problem der Ethik in der Philosophie anzugehen, war eine als drängend empfundene Herausforderung um die Jahrhundertwende. Die sich ausschließlich positivistisch gebärende Naturwissenschaft auf der einen und die materialistische Dialektik Marx' auf der anderen Seite bedrohten die Arbeit des Philosophen, der fürchtete, die Frage "Was sollen wir tun", könne bloß nur noch materialistisch beschrieben werden, sei es als Umwälzung von Produktionsverhältnissen oder in biologischen, psychologischen oder anthropologischen Begriffen. Es gebe, so der Neukantianer Hermann Cohen, einen Widerspruch in der materialistischen Ökonomie, die "einerseits eine naturalistische Position vertritt", in der Ideen nur noch "verdampfte Einrichtungen" sind, andererseits aber in ihrer Kritik der gesellschaftlichen Ordnung "fortwährend mit dem sittlichen Modell operiert." Die Phänomenologie berief sich ebenfalls auf Kant und transzendentalen Bedingungen von Wahrnehmung, die sie nun in Anlehnung auf gestaltpsychologische Prämissen suchte. Die Lebensphilosophie unter Bergson schließlich versuchte das ästhetische Individuum zu rehabilitieren und wandte sich gegen den Begriff der "Bevölkerung", in der das Individuum bloß ein Ort irgendwo in der Gauß'schen Normalverteilung als statistische Kennzahl zugewiesen wurde.

Die "praktische Vernunft" hatte versucht, aus den Objektivierungen transzendentaler Sittengesetze - der Rechtswissenschaft - auf Sittengesetze a priori zu schließen. Das Ergebnis war eine Moral des Rechts, die sich in der goldenen Regel auf die Notwendigkeit des "Gesetzes" berief und eine höchstmögliche Freiheit für die größtmögliche Anzahl an Menschen ermöglichen sollte. Bachtins Zeitgenosse und Phänomenologe Scheler lehnte diese Idee ab, da er sich gegen ein "Pflichtsollen" wandte, das "der tatsächlichen Wertewelt nie gerecht werden kann." In seiner Bestimmung von Ethik vom Subjekt her, das "unmittelbar und voll (weiß), was gut ist", lässt er sich sehr nahe mir Bachtins ethischem Subjekt in der Philosophie der Handlung lesen. Hier nicht auf Kant, sondern seinem Erneuerer und Neokantianer Hermann Cohen bezogen - den Bachtin einmal als wichtigsten Mentor für sein Schreiben bezeichnete - lehnt er den Begriff der "Allheit", bei Cohen als "unendliche Zusammenfassung des Menschen" als Ausgangspunkt und Richtschnur für das Sittengesetz ab. Einer solcherart rein theoretische Bestimmung ethischer Handlungen setzt Bachtin den Begriff des "einzigartigen Seins-Ereignisses" entgegen. Er ist neben der "Handlung" (postupok) der wichtigste Begriff, den Bachtin auf beinahe jeder Seite platziert und der Lektüre in die Nähe einer Liturgie rückt mit seinen formelhaften Beschwörungen des Ortes, an dem das Subjekt sich seiner sittlichen Verantwortung unmittlbar und emotional beteiligt weiß. Bachtin-Kenner werden bei den Begriffen "Antwort" (otvet) und "Verantwortung" (otvestvennost) aufhorchen, es sind Begriffe, die auch in seinen späteren Werken auftauchen. Der aktive Mensch in seiner "Verantwortung" ist im Gegensatz zum passiven Menschen, der bloß sein Pflicht-Sollen erfüllt, für seine sittlichen Handlungen "verantwortlich." Er hat ein "Nicht-Alibi im Sein", wie Bachtin das nennt, d. h. er kann sich seiner Verantwortung nicht entziehen und muss sich der Erfüllung des Sittengesetzes stellen. In weiterer Folge ist er aber nicht nur dem Sittengesetz, sondern seinem Nächsten verantwortlich, denn, so Bachtin wörtlich: "Verantwortung gibt es nur da, wo es wirkliches Antworten gibt."
Das Denken, einem solcherart definiertem aktivem sittlichem Leben gerecht werden kann, bestimmt Bachtin als "partizipatives Denken" - wahrscheinlich eine Übersetzung aus dem Heideggerschem Begriff des "seinsverbundenen" Denkens. Indem Bachtin das "Sein" als "Seins-Ereignis" denkt, dynamisiert er den Seins-Begriff als "Einheit des lebendigen Werdens". Es geht Bachtin also nicht um ein "Sein", eine substanzielle Einheit, sondern um eine Einheit, die ein Werden ist, oder anders gesagt: Handlung (postupok). Das Theoretische und Ästhetische soll in diesem "Seins-Ereignis" nur noch als "Moment" teilhaben: Sie sind mir "aufgegeben", nicht "gegeben" und müssen in einer einzigartigen und unwiederholbaren Handlung unterzeichnet und bejaht werden. Die "Korrelation" - ein Begriff, den er Hermann Cohen entlehnt hat - zwischen einer in sich geltenden Wahrheit und dem einzigartigen, tatsächlichen Erkenntnisakt ist historisierend gedacht, will sagen: sie findet immer an einem bestimmten Ort, zu einer bestimmten Zeit, in einem bestimmten Kontext mit Anderen statt. Um Missverständnissen vorzubeugen: Bachtin lehnt nicht die Wahrheit des Sittengesetzes ab, die er an einer Stelle gar als "ewig" bezeichnet - hier ist er ganz auf der Linie der Neukantianer, insbesondere Hermann Cohens - sondern situiert die "Erkenntnis" und Bejahung dieser so erkannten Wahrheit in einem historischen "Seins-Ereignis." Das wird noch wichtig werden, denn nur so kann er sich von dem Verdacht moralischer Beliebigkeit freisprechen. Gleichzeitig aber wird seine Bestimmung brüchig, kündigen sich in seinen Manuskripten die Schwierigkeiten einer substanziellen moralischen Verantwortung des Menschen - so nur historisch gedacht - an. Bachtin schwankt in seiner Bestimmung des Sittengesetzes zwischen Abstraktion - der "ewigen Wahrheit" des Gesetzes - und konkreter, historischer Ursache, demzufolge das Sittengesetz aus den "Handlungen" von Subjekten entstanden und erst im Nachhinein als Gesetz erkannt worden sein soll. Vielleicht hat Bachtin gespürt, dass er mit einer radikalen Historisierung den Grund seiner Argumentation hintertreiben könnte und das könnte auch das nicht weiter begründete Festhalten an der "Methodik" Kants erklären. Die "Theorie" muss an der "praktischen Vernunft" partizipieren und im "Seins-Ereignis emotional-volativ bejaht werden." Diese Bejahung ist keine oder nur zum Teil vernunftmäßige: mit dem ahistorischen, substanziellen Begriff der Liebe und dem konkreten Faktum der "Treue" wird Bachtins religiöse Herkunft deutlich. Sein Hauptaugenmerk gilt der "Darstellung und Beschreibung" der "Architektonik der tatsächlichen Handlungswelt", nicht einem idealen System, daher muss auch das tatsächliche Handeln der Menschen als vernunftmäßige vor jeder Darstellung als realisiert angenommen werden.
Um verantwortlich handeln zu können, muss dabei der/die Bejahende in Kontakt mit anderen Menschen treten. Hier greift er das dialogische Prinzip auf, denn das Seins-Ereignis ist durch drei ineinander verflochtene Beziehungen bestimmt, die Bachtin als "Ich-für-mich", "Ich-für-andere" und "Der-Andere-für-mich" bezeichnet. Das Ziel des sittlichen Handelns ist die "altruistische Liebe": "Nur die Liebe kann ästhetisch produktiv sein, nur in Korrelation mit dem Geliebten ist die Fülle der Vielfalt möglich."

Nach der Bestimmung des "Seins-Ereignisses" wollte Bachtin zu seiner Beschreibung und Darstellung übergehen, dazu ist es aber nicht mehr gekommen. Das Fragment bricht mit dem Beginn des ersten Kapitels ab, in dem er ein Gedicht von Puschkin zur Darstellung seines dialogischen Prinzips bespricht. Aus dem Vorwort ist zu entnehmen, dass auf die Einleitung die Kapitel "Ästhetische Tätigkeit als Handlung", "Ethik des künstlerischen Schaffens", "Ethik der Politik" und "Ethik der Religion" folgen sollten. Michail M. Bachtin als Ethiker zu situieren, der seine Thesen anhand von literarischen Texten exemplifiziert, könnte Anlass dafür sein, Bachtins Einordung als Literaturwissenschaftler und im Kontext der Intertextualitäts-Forschung zu sehen, zu revidieren. Dass Bachtin selbst im Formalismusstreit eindeutig gegen den Formalismus Stellung bezogen hat, da sie die "Inhaltsseite" vernachlässigte, ging in dieser Einordnung unter. Ihn als Philosoph zu beschreiben, der die Literatur als Demonstrationsobjekt seiner Darstellung dialogischen Handelns benützt, könnte ein interessanter Weg sein, um zu einer besseren Einschätzung seines Werks zu kommen.
Nicht zuletzt muss aber die Buchgestaltung lobend erwähnt werden: eine lesefreundliche, unaufdringliche Schriftsetzung und ein handliches Format machen die Lektüre nicht nur zu einem intellektuellem, sondern auch ästhetischem Vergnügen.

Michail M. Bachtins Philosophie der Handlung ist im Frühjahr 2011 bei Matthes & Seitz, Berlin erschienen.



 
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