Die schillernde Enge der Dystopie
Zu Thomas Ballhausens In dunklen Gegenden.


von Jonas Blum

 
Thomas Ballhausens jüngster Erzählband entführt buchstäblich in "dunkle Gegenden": Der Titel kann als Losung gleichermaßen für die darin bruchstückhaft geschilderte Welt wie auch die jeweils gewählte Form gelten, in der zehn lose miteinander verschränkte Berichte von einer dystopischen Szenerie Auskunft geben, die kurz vor einer endgültigen Katastrophe zu stehen scheint. Auf knapp hundert Seiten gelingt es dem Autor, diese Welt als eine raffinierte Schwebe zwischen vermeintlichen Gewissheiten und bedrohlichem Zerfall zu entwerfen, ohne inmitten all der um sich greifenden Unbestimmtheit auf eindringliche Bilder und kraftvolle poetische Verknappungen verzichten zu müssen.
Die Rahmenhandlung, die sich nach und nach als bedrohlicher Hintergrund der journalartigen Einträge verschiedener Ich-Stimmen zusammensetzen lässt, wäre schnell erzählt: In einer schier unbestimmbaren Zeit, in der sich Kennzeichen eines historisch längst vergangenen Krieges mit science-fiction-Elementen verschränken, ist das heimatliche "Kombinat" von einer anonymen Macht — den "Eisenmännern" — bedroht, die zuerst wie eine ferne Gefahr, doch zunehmend wie ein unentrinnbares Schicksal der Belagerten wirken. Entscheidender als dieser diffuse Fond der Geschehnisse sind allerdings die geschickt ineinander verschachtelten Details, Reflexionen und lapidaren Beschreibungen, die das eigentliche Geschehen (ab)bilden. Während die Kapitel äußerlich wie Gedächtnisprotokolle, persönliche Erinnerungen oder auch Arbeitsberichte wirken, kreisen sie alle um zentrale Fragen des Erinnerns, des Bewahrens und der Selbstversicherung angesichts eines drohenden Umbruchs und all seiner sich im Vorfeld ausbreitenden Destabilisierungen. Besonders eindrücklich wird dies, da die zu rettenden Erinnerungen der Erzählstimmen (die nur selten näher, weder geschlechtlich oder altersmäßig markiert sind) sich einer Vergangenheit und geistigen Klarheit zu versichern suchen, die selbst bereits erschreckende Züge aufweist. Trotz der direkten Referenzen auf einen in der Ferne tobenden Krieg bleibt somit unklar, ob die hier erzählenden Gestalten nicht bereits zuvor eine Welt bevölkerten, die auf den sprachlichen Zerfall größeren Einfluss ausübt als der entfernte Konflikt. Die scheinbar konkretesten Schilderungen werden so zu phantastischen Chiffren innerer Abgestumpftheit und gesellschaftlicher Entfremdung, die trotz der (teils wunderbar grotesken) Geschehnisse die Hohlformen für sehr zeitgemäße Reflexionen bilden.
"Diese Notizen sind für eine offizielle Berichterstattung gänzlich ungeeignet, vielmehr sind sie mein Versuch, mit der Welt, was auch immer das noch ist, zurechtzukommen." Inmitten dieser Versuche behelfen sich die Protagonist_innen damit, sich in deutlichem Kadavergehorsam an überkommene Dienstvorschriften zu klammern, um an einer zerbrechenden Ordnung stur festzuhalten, die nicht selten von einem absurden Humor durchzogen bleibt. Eine der vermeintlich hilfreichen Direktiven für den stets schon eingetretenen Ernstfall lautet beispielsweise: "Wenn Du, weil Dein Wert überschätzt wurde, verschleppt wirst, brauchst Du vielleicht unsichtbare Tinte." Vielleicht? Was soll das an dieser Stelle noch bedeuten?
Die bedrohliche Stimmung des nur womöglich Eintretenden wird so abgründig unterlegt durch eine vorherrschende Ordnung, die zwar durch klare Imperative und militärische Hierarchien bestimmt ist, diese vor allem aber als Signa für leicht zu missbrauchende Sicherheitsbedürfnisse längst abgestumpfter Individuen erfahrbar werden lässt. Auf der Ebene solcher zeitloser Chiffren gelingt es den Texten eine faszinierend verunsichernde Balance von Identifikationspotenzial und uneinholbarer Fremdheit zu halten. Wie experimentelle Anordnungen, die Bilder und Zeugnisse vergangener Übergangszeiten mit absurden Zuspitzungen verbinden, befragen die Erzählungen die existenziellen und reflexiven Spielräume der Charaktere, die gerade in ihrer Enge wie die Negative einer verpassten, nun nicht mehr möglichen Politik wirken.
"Die Welt ist in den letzten Jahren immer unleserlicher geworden", bemerkt eine Erzählstimme lakonisch — und angesichts der gleichermaßen komplexen wie auch verblüffend direkt daherkommenden narrativen Konstruktion verwundert es nicht, dass sich die einzelnen Erzählungen auch sprachlich aufzulösen drohen, der Sprachfluss oftmals in Stolpern gerät. Auch wenn dies als suggestive Strategie nachvollziehbar bleibt ("Einzig meine akribisch geführten Aufstellungen über das Verlorene sind geblieben"), besteht doch ein merklicher Kontrast zwischen den teils so gelungenen wie seduktiven Formulierungen einzelner Sentenzen und dem brüchigen Textganzen, in dem schillernde Metaphern und holprige Nüchternheit eng aneinander rücken. Zugleich bleibt es verstörend, dass sich diese ambivalente Tonlage durch alle der so unterschiedlichen Ich-Erzählungen zieht, sodass sich regelmäßig poetische Wendungen und bürokratisch-exakte Schilderungen gegenüberstehen. Darin spiegelt sich trotz aller Vergewisserungsversuche eine bedrückende Uniformität. Während man sich also lesend an so manchem Satz festhalten möchte ("Die Wirklichkeit ist der Rand, von dem ich mich wie ein Schwimmer in einem Becken abstoße"), folgen diesen meist nüchterne Passagen mit teils höherem Lesewiderstand, die stets erfolgreich an das ungemütliche Setting des Buches erinnern. Auch wenn man sich an manchen Stellen eine stärkere Nuancierung dieses Verhältnisses wünscht, funktioniert die sprachliche Unaufgelöstheit als eine spielerische Herausforderung, dem Text gerade über seine Leerstellen und Aussparungen zu folgen. Denn, wie uns versichert wird: "es bleibt bei den Vorgedanken zu einer Überlegung. [...] Natürlich ist auch das Teil des Schauspiels."




In dunklen Gegenden. Erzählungen. ist erschienen bei Edition Atelier, Wien 2014.









 
 
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