Dem Trubel entwunden

Klaus Böldl schildert in Der nächtliche Lehrer unaufgeregt die Geschichte einer Dissoziation im hohen Norden. Bei aller Zurückhaltung rührt er dabei ironisch an große Fragen aktueller Befindlichkeit.
von Matthias Schmidt



Lennart, der gerade erst sein Studium in Stockholm abgeschlossen hat, begibt sich in die fernste schwedische Provinz um sich für eine ihm zugeteilte Stelle als Kunst- und Religionslehrer zu bewerben. Was nur auf den ersten Seiten wie eine Möglichkeit unter anderen wirkt, wandelt sich in der lichten Einfachheit des Städtchens Sandvika unversehens zu einem Fatum, dem der Protagonist sich ohne deutliche Motive fügt. Sein weiterer Weg als zunehmend vereinsamender Lehrer, dem um ein Haar eine Familie zugewachsen wäre, liegt dabei bereits im Moment seiner initialen Anreise beschlossen:
"Immer leerer wurde es im Laufe des Vormittags in den Zügen, in denen Lennart auf immer weiter sich verzweigenden Nebenstrecken unterwegs war, und in dem Regionalzug auf dem letzten Abschnitt seiner Reise saß er endlich ganz allein im Abteil, mit verschränkten Armen, die Füße auf den Sitz gegenüber gelegt. Aus einem Riss in der Lehne neben ihm quoll gelber Schaumgummi." (5f.)

Doch genausowenig wie Lennart sich selbst erklären kann, was ihn an der ländlichen Überschaubarkeit fesselt, an die er sich überantwortet, tritt er auch sonst kaum als selbstbestimmt wirkender Charakter auf. Mitgenommen von einem sanften Strom der Ereignisse treibt ihm dieser eine Beziehung zur Bibliothekarin Elisabeth zu, die Lennart samt einem ungeborenen Kind bei einem Unfall kurz darauf wieder verliert, sodass die ohnehin spärlichen Kontakte zu seiner Mitwelt sich immer weiter reduzieren. Doch &uuML;ber die Wogen, die solche Einschnitte in Lennart schlagen mögen, erfährt die Leserschaft nicht viel mehr, als über die Beiläufigkeiten des Alltags und den stetigen Rhythmus der Jahreszeiten, die Böldl gleichermaßen in präzisen Beobachtungen eindrucksvoll schildert. Dementsprechend rückt die monotone Regelmäßigkeit des abgeschiedenen Städtchens in den Mittelpunkt, die nahe an eine verlorengeglaubte Vorstellung von Naturverbundenheit rückt.
"In Sandvika war es so, dass sich die drei Bahnschranken im Stadtgebiet manchmal ganz umsonst herabsenkten, weil gar niemand unterwegs war, der den Bahndamm hätte überqueren wollen, wie auch sonst in dieser entlegenen Stadt die Dinge ihren Lauf ganz von selbst zu nehmen schienen, gleichgültig ob jemand daran Anteil nahm oder nicht.
Jedenfalls, von Sandvika wegzugehen kam für Lennart schon nach kürzester Zeit nicht mehr in Betracht. In Sandvika waren die Einzelheiten, aus denen sich sein Leben jetzt zusammensetzte, versammelt. Hier herrschte eine auch das Unscheinbarste einbegreifende Genauigkeit. Hier war ein See, weit genug, um ein Leben lang auf ihn hinauszuschauen. Die Hauptstadt, in der er fast sein ganzes bisheriges Leben verbracht hatte, wurde ihm schon nach wenigen Wochen ein verschwommener und irgendwie zweifelhafter Ort, der für ihn kaum mehr Bedeutung hatte als für die anderen Bewohner von Sandvika." (28f.)


Nach Elisabeths Tod nimmt diese Überlagerung nur weiter zu und so überrascht es nicht, wenn in Lennarts Lebensgeschichte eigentlich nur noch ein Ereignis deren monotonen Fluss durchbricht: Lennart hält seine meditative Selbstaufgabe unter dem Titel Waldgedanken in Buchform fest und trifft damit den Nerv unzähliger europäischer Großstädter. Nachdem er zwei größere Lesereisen durch den ganzen Kontinent absolviert hat, setzt er sich zur Beruhigung seiner Kollegen als Lehrer zur Ruhe und verblasst bis zu einer gespensterhaften Erscheinung, die von seinem spärlichen Umfeld belächelt nachts durch das (auch von ihm selbst eigentlich bereits) verlassene Schulhaus spukt.

Böldls zurückhaltende, wohldosierte Sprache vermag in Der nächtliche Lehrer eine ungewöhnliche Spannung zu entfalten, die gerade nicht im persönlichen Schicksal von Lennart oder gar einer luziden Analyse der Geschehnisse gründet. Die Distanz, die Böldl in seiner Erzählung wahrt, begreift dabei auf eine ironische Art noch den Klappentext seines eigenen Buches mit ein, welcher zu resümieren versucht: "Klaus Böldl schreibt mit absoluter Souveränität über Sehnsucht und Trauer, Erinnerung und den Lauf der Zeit - voller Lakonie, Humor und feiner Spannung. Es ist eine Prosa, die uns direkt vor das Geheimnis des Lebens zu führen scheint." Solchen Ballast hat Böldls lapidarer Text nicht verdient und so wirkt es fast schon erleichternd, wenn man in diesem selbst lesen kann:
"Ein paar Jahre nach Elisabeths Tod ereignete sich dennoch etwas Unerwartbares: Es erschien ein Buch von Lennart mit dem Titel Waldgedanken. Es stellte wohl eine Art von philosophischem Versuch dar, eine Anweisung, wie man durch stetiges Beobachten zum inneren Wesen der Natur vordringen und wie man Landschaften so sehen könne, wie sie zu sehen man in unserem Jahrhundert längst verlernt hatte - in solchen oder ähnlichen blumigen Wendungen erging sich der Klappentext." (90)

Lennart, dieser eigentümliche Großstadtflüchtling, der wie das modellhafte Negativbild eines postmodernen Nomaden erscheint, konserviert diesen feinen Humor auch in seinem Namen: Lennart ist die skandinavische Form von Leonhard, doch besteht sein Löwenmut gerade darin, seine Souveränität gering zu achten und nicht mehr wie bei Musil unablässig nach dem Möglichkeitssinn zu forschen, sondern sich typenhaft in Notwendigkeiten zu flüchten. Böldl gelingt es so auf subtile Weise, eine Erzählung als Changieren zwischen eindrücklich doch verhaltenen Bildern und ironischen Fragestellungen zu flechten, die sich aus dem modellhaften Charakter des Textes ergeben. Das 'Geheimnis des Lebens' wird eher mit einem Augenzwinkern vorgeführt, als dass es für darstellbar gehalten wird - und eine verkürzende Auflösung findet Lennarts Geschichte konsequenterweise auch nicht. Indem Böldl aber auf feinsinnige Art und Weise ein experimentelles Bild dessen entwirft, woraus sich so manche eskapistische Sehnsucht speist, liefert er über den Umweg einer sprachlich eindrucksvollen Erzählung einen ironischen Schattenriss aktueller Befindlichkeit.



Der nächtliche Lehrer ist 2010 im S. Fischer Verlag erschienen. Die Seitenangaben in Klammer beziehen sich auf diese Ausgabe.
 
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