... dass es nur gibt, was es gibt: Wohlstand, Fortschritt, Wachstum.
Zu Jacques Rancières Chronik der Konsensgesellschaft

von Lukas Egger


 
Die Arbeit des Chronisten ist beschwert von jenem Gewicht, dessen Zeugen auch die endlosen Archive unserer Kultur sind. Sie antizipiert gleichsam den Staub, deren Essenz letztere beinahe mehr ausmacht als ihr Inhalt. Teilnahmslos und gleichgültig reiht die Chronik Ereignisse in ihrer reinen Faktizität aneinander und wartet bis eine Deutung, die losen Enden aufgreifend, sie zusammenfügt und gleichsam zu neuem Leben erweckt. Sie schreibt die Gegenwart als zukünftige Vergangenheit.
Die Chronik bewegt sich aber immer innerhalb einer herrschenden Wahrnehmung, sie setzt den interpretatorischen Rahmen der Ereignisse voraus. Man könnte also auch sagen, sie kennt gar keine Ereignisse, wenn Ereignis nichts anderes als die Erschütterung der herrschenden Wahrnehmung bedeutet. Eine Chronik schreibt demzufolge also letztlich bloß die Abwesenheit der Ereignisse. Sie schreibt die Gegenwart als Zeit von der nichts zu sagen gewesen sein wird. Eine Chronik wahrhaft zu lesen hieße deshalb zu sehen, was sie hartnäckig verschweigt.
Die Chronik der Konsensgesellschaft von Jacques Rancière ist eine Sammlung von Zeitungskolumnen (frz. chroniques) aus den Jahren 1996-2005, die der französische Philosoph für die brasilianische Tageszeitung Folha de São Paolo schrieb. Was diese von gewöhnlichen Chroniken aber unterscheidet ist die gerade angedeutete Reflexion auf sich selbst, ihre Selbstbezüglichkeit, die zwischen den Zeilen durchscheint und daran erinnert, dass sie von unerheblichen, ja beinahe nichtigen Geschehnissen spricht: wenn diesen Geschehnisse nun ein gewisser Wert zukommt, dann kann dieser allein aus jenem herrühren, das sie beständig auszublenden und zu negieren versuchen.

Die so unterschiedlichen Themen, die der Chronist unserer Tage behandelt — Ausstellungen zeitgenössischer Kunst in Paris, die Behandlung des Schreckens des Holocaust im Kino, der Krieg gegen den Terror nach dem Attentat auf das World Trade Center — ordnen sich für den Autor um den Begriff, der für ihn wie kein zweiter die Geisteshaltung des beginnenden 21. Jahrhunderts ausdrückt, den Konsens. Dass der Konsens für Rancière aber nicht als die Tugend der Demokratie, sondern vielmehr als deren Verfallsform in Zeiten des globalen Kapitalismus, zu gelten hat, ist dem Leser seiner Schriften spätestens seit seinem sehr bekannten und erfolgreichen Buch La Mésentente¹ bekannt. Wird das "konsensuelle System" dort jedoch lediglich angedeutet, ist es die Aufgabe der Chronik dieses "Glaubensregime", das sich als einzig gesunde Geisteshaltung ausgibt, zu umreißen. Was heißt hier also Konsens?
 
Dass Rancière den Begriff Konsens keineswegs mit den Bestrebungen der Übereinkunft der allgemeinen Interessen oder des gütlichen Vergleiches der geschäftigen Bürger, die die Weihen des gerechten Kompromisses lobpreisen, gleich- zusetzen gewillt ist, kann man unter anderem auf die französische Sprache zurückführen: im französischen consensus steckt der Begriff sens, also der "Sinn" genauso wie er von selbst auf das notwendige Zustimmen (consentir) der Individuen hindeutet. Konsens ist die Kongruenz von Sinn und Sinnen, von Wahrnehmung und ihrer Interpretation. Die allgemeine Zustimmung zu einer hegemonialen Ordnung, die Rancière in unserer nur vermeintlich postideologischen Zeit ausmacht, kann nämlich nur auf der Unfähigkeit beruhen, die Dinge anders zu interpretieren: zur herrschenden Macht wird ein Glaubensregime allein dadurch, dass es sich als die einzig mögliche Auslegung der Dinge versteht. Demzufolge wird sich der herrschende Konsens immer als bloßer Realismus ausgeben müssen, der sich nach den objektiven Notwendigkeiten richtet. Konsens heißt demzufolge Zustimmung zur einzigen Realität, deren Diktat man sich beugen muss um keinen Schaden zu erleiden.
Diese objektive Realität hat heute die Logik von Finanz und Wirtschaft angenommen. Ihre naturgesetzliche Objektivität beweist sie, indem sie in mathematischem Gewande auftritt und nur mehr für einige Experten durchschaubar ist, die uns immer wieder versichern, dass ihre Sphäre überaus empfindlich für Störungen ist und dass diese alle in einem kaum vorhersagbaren Ausmaße treffen würden. Die objektive Realität fordert vom Staat deshalb strengen "Gehorsam gegenüber den Naturgesetzen der ausgeglichenen Zirkulation der Reichtümer und der Bevölkerungen" (67). Selbst ihre "Regulierung" gehorcht heute dieser Logik: sie dient bloß dazu die Ströme geregelter und langfristiger fließen zu lassen und verleugnet, indem sie sich wiederum als wirtschaftliche Notwendigkeit präsentiert, ihren politischen Charakter.² Die Rhetorik der unumgänglichen Neuordnung der (Finanz-)Märkte gehorcht dabei also selbst dem Axiom ihrer absoluten Realität.
¹ Auf deutsch erschienen im Suhrkamp Verlag unter dem Titel Das Unvernehmen. Politik und Philosophie im Jahr 2002.
Am eindringlichsten zeigt die letzte der versammelten Kolumnen Rancières (Mai 2005) anlässlich des bevorstehenden Referendums über die Ratifizierung der Europäischen Verfassung diese Spielart der Demokratie. Obwohl die Bevölkerung Frankreichs aufgerufen wird, mit Ja zu stimmen, fürchtet man sich vor einem negativen Wahlergebnis, für welches auch schon eine Erklärung parat stünde: lehnt die Mehrheit der Franzosen die Europäische Verfassung ab, so haben sie die vorgelegte Wahl nicht richtig verstanden, sonden ihr Unbehagen, das sie trotzig veranlasst mit Nein zu stimmen, ausgedrückt. Die Wahl hat damit also die sonderbare Struktur zu einem Test über die Fähigkeit zu geraten, die richtige Antwort auf die objektive Notwendigkeit zu erkennen, und dieser "Wahltest" (216) wird so zum Test von Gesundheit und Intelligenz der Wählerschaft. Über die objektive Realität der Dinge und die Lösungen für sie gibt es nämlich per definitionem keine Wahl:
  Die pädagogische Übung verwandelt sich also in eine wilde Psychoanalyse des kranken Sozialkörpers. Daher die Wichtigkeit der Umfragen, dieser simulierten Übungen, und der enormen Interpretationsarbeit, die unsere Regierenden, Experten und Journalisten entfalten, um dem souveränen Volk zu zeigen, dass es ein krankes Volk ist, wenn es glaubt, wirklich wählen zu können und folglich eine selbstmörderische Haltung einnimmt, die darin besteht, die Wirklichkeit abzulehnen. Der Wahlvorgang wird also zu einer psychotherapeutischen Kur, bei der die Bevölkerung gebeten wird, sich selbst Angst zu machen, indem sie sich bis an den Rand des Abgrundes der Negation vorwagt und dadurch ihr geistiges Gleichgewicht wiederfindet. (218)

Umstandslos lässt sich die Analyse auf die gegenwärtige Krise der Europäischen Union übertragen, was für Rancière daran liegt, dass die latente Argumentation der Politiker — entweder Ja zur Realität oder der Abgrund — die einzige Möglichkeit bietet, um die "zwei Legitimitätsprinzipien" (ebd.), die der moderne, westliche Staat kennt, zusammenfallen zu lassen: das Expertenwissen, das die zunehmend technisierte und bürokratisierte Welt dem Volk allererst verständlich macht und ihm somit sagt, worin die objektive Realität besteht, und diesem Volk selbst, das zwar seine Regierenden wählen darf, sich aber dieser objektiven Realität beugen muss.
² Beispielhaft sei hier etwa aus einer Rede zur Anpassung der europäischen Politik und Wirtschaft an die "globalen Herausforderungen" zitiert, die die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Weltwirtschaftsforum in Davos hielt: "Nur der, der Strukturreformen durchführt und sich Konditionalitäten unterwirft, kann auf Unterstützung hoffen." Quelle: http://carta.info/53581/angela-merkel-in-davos-ich-mochte-dass-sie-meine-tanzkarte-annehmen/ (30.01.2013)
Aus der Fülle an Themen, die die Chronik in der Folge anschneidet,³ lässt sich der wiederauferstandene Ethnizismus mit seinen Kriegen auf der Karte der "objektiven Realität" hervorheben. Er bildet nämlich in gewisser Weise das Komplement zur Realität der globalen Welt der Finanzen und Konzerne. Da die demokratische Regierung mit der Verwaltung des weltweiten Reichtums zusammenfällt, scheint die Logik des ethnos, also jener des Volkes als Einheit der durch Blutsbande oder durch Ahnen zustandegekommenen Gemeinschaft, nämlich die einzige Alternative zu bilden. Der Kalkulation der globalen, wirtschaftlichen Notwendigkeiten stellt sie ihr bodenständiges Pendant entgegen, insofern sie gerade aus der Kritik daran ihren Zuspruch zieht, selbst aber genauso das Volk als homogene Menge in eine Orthodoxie einzuschließen versucht, nämlich jener einer gemeinsamen Herkunft.
Ethnizismus und Rassismus scheinen im Gegenzug aber deshalb als "Phänomene der Rückständigkeit" (33), da der Glaube an die eine Richtung, nach der die Geschichte verlaufe, eine harmonische Zukunft der Technologie und des Reichtums versprach. Nach dieser Überzeugung scheint die Akkumulation von Reichtum mit der Eintracht zwischen den Staaten einher zu gehen, die Logik der Rasse bloß als ein archaisch-ideologischer Atavismus. In der Reaktion der amerikanischen Regierung auf die Attentate vom 11. September lässt sich für Rancière die Verwirrung ablesen, die dafür bezeichnend ist:

  Warum gehorchen die Dinge nicht der einfachen Logik, der zufolge die Leute besser leben, wenn die technischen Geräte sich vervielfältigen, und der zufolge sie friedfertiger leben, wenn sie besser leben? Man würde gerne glauben, dass solche Attentate das Werk solcher sind, die sich noch nicht technischer Geräte und des Wohlstandes erfreuen. Aber wie soll man verstehen, dass [...] man einem sicheren Tod entgegen gehen kann, wenn man kein Elender ist, der nichts zu verlieren hat, sondern ein normaler Mensch, der studiert hat und eine schöne Ingenieurskarriere vor sich hat? (125)

Die wieder aufflammenden ethnischen Konflikte weltweit, ein neuer religiöser Fundamentalismus sowie das Erstarken rechtspopulistischer Parteien in ganz Europa ziehen für Rancière die Konsequenzen aus dem Verschwinden der Politik im "planetaren Reich der vernünftigen Verwaltung" (126) und scheinen für viele die einzige Alternative dazu zu sein. Da sie selbst jedoch der liberalen Ideologie des globalen Marktes bloß jene der verschiedenen Ethnien gegenüberstellen und damit lediglich ein anderes Prinzip der Verwaltung der Menschen einfordern, stehen sie mit der ersteren auf dem selben Boden, jenem der abwesenden Demokratie.

Im Lichte des Unvernehmens, also der paradoxen Struktur mit der Rancière in seinem gleichnamigen Buch die Beschaffenheit politischer Bewegungen charakterisiert, bilden die fragmentarischen Betrachtungen der Chronik somit den Versuch der Beschreibung einer Zeit, für die Politik nunmehr bloß der Name einer notwendigen aber nie abgeschlossenen Verwaltung der Menschen und der Reichtümer ist. Sie veranschaulicht eine Politik, die sich als eine immense Verteilungsagentur versteht, deren Vertreter unsere Berufspolitiker sind und die auf die "pastorale Demokratie" (?) Platons rückführbar ist. Sie ist damit die Chronik einer postpolitischen Gesellschaft.
Durch die Strategie der Offenlegung des Selbstverständlichen und allzu Bekannten versucht Rancière den Konsens als solchen zu entlarven, seine pseudopragmatische Rhetorik als neue Ideologie des "bloßen Realismus" zu enthüllen. Die Symptome einer Zeit nach der Politik scheint er aber bloß zu konstatieren, wo andere nach ihren tieferen Ursachen suchen. Der reinen Symptomatologie Rancières halten sie entgegen, dass der Mensch in der Demokratie zum vergnügungssüchtigen Egoist wird, der nichts anderes mehr im Sinn hat als seine kleinen Begehren zu befriedigen. Sie beklagen einen universalen Konsumismus, der von einer mächtigen Marketingmaschinerie in Gang gehalten wird und der der Demokratie ihren Spiegel vorhält und sie zu dem werden lässt, was sie in ihrem Grunde immer schon war: die Herrschaft der mediokren Konsumenten, eine "leere Geldwelt" bzw. die "Gewaltherrschaft des Todestriebes" (Badiou).
Leicht ließe sich diese scheinbare Oberflächlichkeit der Chronik damit rechtfertigen, dass sie eben mehr flüchtig zusammenträgt als mühsam in die Tiefe zu graben, mehr schwermütige Rhapsodie denn systematische Analyse ist. Eine gewisse Melancholie, die sich allenfalls in ihr lesen lässt, scheint das zu bestätigen. Dennoch trägt die Chronik diesem fundamentalen Zweifel an der Demokratie Rechnung: eine politische Philosophie, so sagt sie uns, die nicht am freien Menschen als ihrem bestimmenden Zentrum festhält, tauscht lediglich ein Prinzip der Verwaltung mit einem anderen aus. Sie lässt die Menschen von einer Bevormundung in die nächste treten. Der vorherrschende Konsumismus ist für Rancière deshalb höchstens Symptom keineswegs aber der Grund für den Mangel an Politik.
Bei aller Kritik und trotz des wehmütigen Tones den die Chronik der Konsensgesellschaft also anschlägt, lässt sich deshalb festhalten, dass ihr letztlich eine optimistische und zuversichtliche Sichtweise eigen ist. Sie nährt ihre Hoffnung daraus, dass es nur nötig ist und immer wieder nötig sein wird das Paradox auszusprechen, dass es nicht nur gibt, was es gibt, sondern dass es auch gibt, was es nicht gibt.


Jacques Rancières Chronik der Konsensgesellschaft erschien 2011 im Passagen Verlag, Wien.
³ Nebenbei sei aufgrund der wiedererlangten Aktualitaät des Themas, Rancières Kommentar zum Urheberrecht erwähnt. Während die Argumentation gegen das Urheberrecht sich häufig auf den populären "Tod des Autors" beruft, weist Rancière darauf hin, dass die Idee der Unpersönlichkeit der Kunst gerade zusammen mit der modernen Auffassung des Urhebers geboren wurde, nämlich durch die Zweifel der Philologie an der Vaterschaft Homers an "seinem" Werk. Diese paradoxe Konstellation zeigt sich auch im Rückzug des authentischen Wirkungskreises des Künstlers. Während die materielle Herstellung des Werkes beinahe gleichgültig geworden ist, beschränkt sich die Originalität auf die Idee und verwandelt "das paradoxe Eigentum des unpersönlichen Werkes in das logische Eigentum eines Erfinderpatents (...). Der Gegenwartskünstler ist in diesem Sinne mehr noch Eigentümer, als je ein Künstler es gewesen ist." (163)
 
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