Eisendle


   Vor Jahren stand ich in Wien vor einem Haus und starrte hinauf. Es war kein sehr hohes Haus, aber auch kein Einfamilienhaus. Da wohnte der Eisendle. Das war mir eine Lehre, denn bis dahin hatte ich gedacht, dass Schriftsteller arm, aber glücklich in irgendwie doch ansehnlichen Häusern wohnten. Das dachte ich nun nicht mehr. Ich klingelte nicht, außerdem war er nicht da.
    Eigentlich hatte ich kaum etwas von ihm gelesen, aber meine Mutter las ihn recht gern. Ein paar Bändchen aus dem Residenz-Verlag standen zuhause im Regal. Dann las ich, dass er gestorben war. Zu spät.
    So viel Lebenszeit vergeht einfach und dann.
    Im Regal vor der katholischen Studentengemeinde in Aachen stehen Bücher, nützliche und weniger brauchbare. Zu den eher nützlichen als brauchbaren gehört eines, auf dem zwischen grünen Balken ein nicht mehr völlig junger Mensch mit Hemdkragen, Vollbart und Zigarette abgebildet ist. Das muss Eisendle sein, denn von ihm ist das Buch. Ich hatte ihn mir anders vorgestellt, mehr so, wie er mit dräuendem Blick in der Anzeige des Residenz-Verlages hintendrin abgebildet ist, aber die Anzeige sehe ich erst zum Schluss. Dieser Eisendle mit seinen überbarteten, vielleicht spöttischen Lippen ist mir sympathisch.
   Endlich.
   Das Lesen geschieht abschnittsweise, sorgfältig, das Buch ist kurz und darf nicht zu schnell verbraucht werden. Canetti, denke ich, hat hunderte von Seiten gebraucht, um dasselbe zu sagen, auch wenn er vielleicht mehr Dinge gesagt hat, aber sein einziger Roman ist viel länger, Kunststück. Andere waren kürzer, aber feuilletonartiger, jahrhundertanfänglicher, wie heißt er noch, der Wiener, der berühmte und für mich ganz unlesbare, das geht mir eben so mit Namen, immer vergesse ich welche, die wichtig sind. So ist Eisendle jedenfalls nicht, Hut ab.
   Hüte ab, ja.
   Die Leute hier tragen wirklich keine mehr, es geht nimmer. Überhaupt trinken die Leute hier sehr viel. Das schien mir aber ganz selbstverständlich, ähnlich wie bei Krasznahorkai, bitte, László Krasznahorkai, der mit diesem Eisendle etwas hätte anfangen können, wenn er nicht Ungar wäre, was in seinem Fall das Österreichische ziemlich ausschließt, jedenfalls was seine Sprache angeht.
   Bei Eisendle geht es um einen österreichischen Suff. Natürlich hat der Doktor Lipsky diesen slawischen Namen. Wir sind in einem tödlicheren, behaglicheren Österreich als bei Thomas Bernhard, einem, das Eisendle, vermute ich, umgebracht hat, aber mit seinem Einverständnis. Man stirbt zuhause immer noch am ehesten.
   Nun weiß ich aber gar nicht, wie er starb. Ich wienere ihn halt, diesen Tod, bis er blank wie die Kronjuwelen in der Schatzkammer aussieht, ehrengräberisch. "Ich stürze in ein gähnendes Loch. Die schwarze Acht. / Eine Phantasie ist zu Ende." Österreich, ganz klar. Damit endet das Buch.
   Aber: "Wenn wir schlafen, treten wir in ein dämmriges, altes Schattenhaus, in das kein Strahl aus der Wirklichkeit des wachen Lebens fällt." Wir träumen nicht, wir schlafen nur. Erinnerungen sind Träume, aber der Schlaf und der Suff sind eine parallele Wirklichkeit, anders als ihr dachtet. Sagt er so nicht, aber es gelingt nicht, das wache Leben hier als Wirklichkeit durchzusetzen. "Ich befand mich, das spürte ich, in einer Mitte, in der Mitte, an einem Punkt, einem Ort zwischen Wachen und Träumen, zwischen Vergangenem und einer nicht bewußten Gegenwart. / Schlaf, Traum, Bewußtsein."
   Wir kommen aus der Zukunft und gehen in die Vergangenheit. Das habe ich gesagt, aber hier wiederhole ich es gern.
   In dieser Zukunft liegt das, was Eisendle geschrieben hat. Wir kommen aus dieser Zukunft her, die er beschreibt. Sage ich und denke, nein, das ist kein Buch aus einer beliebigen, schon verblassenden Vergangenheit. Es ist gut, sich ein wenig an ihm zu betrinken und zu rätseln, warum diese Erzählungen mehr an Ungeschriebenes erinnern als an die Literatur, die vor ihnen daliegt. Mehr an Zukünftiges als an Österreich eben.

G. H. H.
8. September 2013



Helmut Eisendle: Das nachtländische Reich des Doktors Lipsky. Erzählungen. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1981 (zuerst Salzburg/Wien: Residenz Verlag, 1979). Antiquarisch.
 
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