Am Fluss
Zu Esther Kinskys Roman



von G.H.H.

 
  Die große Stadt London ist erbaut auf einem Netz unzähliger Flüsse unterschiedlichen Alters. Die Flüsse strömen aus Landschaften verschiedenster Gesteinsarten zum Meer und führen die von diesen Gesteinsarten geprägten Sedimente mit sich. Der Schlamm eines jeden unterirdischen Flusses hat eine andere Farbe und trägt eine andere Geschichte. Deshalb haben die Ziegel von London so viele Farben wie die keiner anderen Stadt auf dieser Welt.¹










1 Esther Kinsky: Am Fluß. Roman. Berlin: Matthes & Seitz 2014, S. 346.
Esther Kinsky handelt also von London, aber von einem, das auf keiner Postkarte vorkommt, in keinem noch so anderen Reiseführer, in keiner Erinnerung. Ihr Buch besteht aus Gesehenem und vorsichtig oder nachsichtig Erfundenem, als autofiction ließe dieser Roman sich auf französisch bezeichnen, als eine gesteuerte Selbsterfindung, die vor allem ein Vorfinden der Sprache in ihrer Vollendbarkeit ist. Er besteht in Erkundungen an den Ufern und Hintervierteln des Lea, eines Nebenflusses der Themse, die auch der Ganges, die Oder, der Po, der Rhein sein kann.
Alle Flüsse nämlich fließen aus einem Meer zu ihrer Mündung zurück.
Aus dem Schlamm der Flüsse bestehen die Häuser der Städte.
Was Esther Kinsky hier zu Wort- und Satzziegeln schichtet, die im Strom des Lesens zerbröckeln und ins fremde Bewusstsein eingeschwemmt werden wie die aus dem Flußschlamm des Hooghly gebrannten Votivbilder in Kalkutta, ihre Erinnerung, hat einen unbedingten, also von keiner Wirklichkeit abhängig zu machenden Realismus, der bewundernswert ist.
Zu den besonderen Erscheinungen gehörten die kurzatmigen Windhosen, die einzelne Stadtteile auf den Kopf stellten und hilflos auf ihren Firstchen zappelnde Häuserreihen hinterließen, während sie sich aus dem aufgewirbelten Staube machten.²
Natürlich.
Darf es einen Vergleich für ihre Erzählung geben? Nein. Es gibt nur einen möglichen Verweis auf ein Gegenteil, auf Huckleberry Finn, auf Old Man River und alle Geschichten von ungeheuren Flüssen, wo Abenteuerliches geschieht, aber doch kein Ungeheuer auftaucht, anders als hier, an den Flussarmen der Themse, die ihre tentakelartige Verästelung in zerfetzter Banalität ungeheuer macht. Auch am Ufer des St. Lorenzstroms liegt angeschwemmtes, je breiter der Fluss, desto mehr schrumpft das jenseitige Ufer, banal in seiner Kleinheit wie die Rückseiten der Warenhäuser und die Stacheldrahtzäune in der verwässernden Vorstadt von London.
Überall gibt es Schwäne.
Möwen, die Inlandsmöwen heißen.
Der Themsedampfer schaukelte, das Wasser war sehr nah, Abfall schwamm auf den trüben Wellen. [...] Die unheimliche, feuchte widerhallende Schattigkeit zwischen den Brückenpfeilern hatte ich nie vergessen, auch nie das Auftauchen ins Licht nach jeder Brücke wie auf einen neuen Fluß in einer neuen Stadt. [...] Wir fuhren an Hafengeländen vorbei, an endlosen Speichergebäuden aus Backstein im Sonnenlicht, an dem grünen Hang von Greenwich Park.3
Das ist eine Erinnerung, die ich teile, auf vielleicht fünf, sechs Jahre Abstand hin. Meine Themsefahrt geschah im Jahre 1974 und ging von der London Bridge bis Greenwich, die Durchsagen waren laut und klangen sehr umgangssprachlich stolz, absichtlich dröhnend, der Schatten unter den Brücken, ja, die großen Lagerhäuser an den Ufern, noch keine kapitalistische Selbstüberhöhung in den Docklands, da war nur Stille. Das kommt alles wieder beim Lesen, es ist meine Erinnerung, die ich wiedererkenne und mit dem Gelesenen vermenge, eine schon nicht mehr datierte, die Jahre zusammendrängende Erinnerung, irgendwann vor ein paar Jahren habe ich die Fahrt wiederholt.
Esther Kinsky schreibt bewundernswürdig, nur einmal sackt meine Aufmerksamkeit ein wenig ab, mit Kapitel 12, da sind kleine Flecken auf dem Abzug, die anderswo nicht auffielen, aber in diesem sorgfältig beherrschten Sprachfluss fallen sie auf, nichts Wichtiges, in Texten anderer Autoren gingen sie unter. Sonst ist ihre Sprache so flüssig durchdacht, dass das Lesen sich beschleunigen lässt, aber meine Beschleunigung hat äußere Gründe. Ich möchte das Buch einer Leserin weitergeben, die es angeht, daher lese ich hastiger, verschlinge die letzten Kapitel, vorhin, in der Bierschenke in Osterburg in der Altmark, bei einer Möhrensuppe und einem Türken, immer schneller, aber so gelange ich schon schwindelig an den Anfang zurück.
In der Zeit vor meiner Abreise aus London begegnete ich dem König. [...] Der König streckte die Arme aus, und die Raben sammelten sich um ihn. [...] Der König trug einen prächtigen Kopfputz aus starren brokatenen Tüchern mit einer federgeschmückten Spanne, die den Stoff zusammenhielt. [...] Der König war sehr groß, und er stand ganz gerade inmitten der Vögel, während nur die Arme schwangen und kreisten, den Hals hielt er so aufrecht und reglos, als trüge er eine ganze Welt in seinem Kopfputz.4
Der Aufenthalt in London, der Jahrzehnte überspannt haben muss, bleibt trotzig unerklärt. Eine Lust am undurchdringlich Anderen muss ihn veranlasst haben, an der schieren Unmöglichkeit, die Stadt zu überblicken, als Gegenbild zur Unüberblickbarkeit des eigenen Ich, denke ich mir, als Inbild hingenommener Wohnungslosigkeit im wechselnden Hausen.

Das entspricht mir, aber es entspricht vielen gar nicht, daher frage ich mich, welche Wirkung wird dieses Buch auf behauste Leser haben? Auf mich wirkt es nun beruhigend, denn es entspricht einem Bild von London und von vielen Städten, das ich mir, nur nicht vom Wasser her, allmählich gemacht habe. Es entspricht der Lust auf London, die Caro mir in meinen Garten nach Ladywell mitgebracht hat, eine Lust, die ich mir von ihr nehmen und neugierig darauf abtasten möchte, ob sie sich teilen ließe.
Ich frage mich, wie sie dieses Buch lesen würde, habe beim Lesen immer diese Leserin vor Augen gehabt und mich gefragt, ob auch sie Esther Kinsky bewundern wird dafür, wie sie ihre abgetane Lust an dieser Stadt beschreibt.



Esther Kinsky: Am Fluß. Roman. Berlin: Matthes & Seitz 2014.



































2 Ebd., S. 193.

























3 Ebd., S. 65.








































4 Ebd., S. 9f.
 
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