Von silbernen Schürzen und roten Decken

Zu Walter Pichlers Werkauswahl Zeichnungen: für meine Mutter
Von Alexander Sprung



  Am Vormittag glaubst du an etwas, am Nachmittag bist du schon wieder ungläubig, jedem Glauben kannst du mit kaltem Rationalismus antworten und beidem wiederum mit Ironie. Und doch braucht man über lange Zeit hinweg eine eigenständige Konsequenz, um das dann genauer zu formulieren, und ebenso ein Erinnerungsvermögen, weil doch jeder irgendwo herkommt und das in ihm etwas auslöst.1

In seinen künstlerischen Anfängen eng mit Hans Hollein und Raimund Abraham verbunden, die in den sechziger Jahren eine neue mystische, dem "Irrationalen"2 verbundene Architektur propagierten, lebt und arbeitet Walter Pichler heute in St. Martin im Burgenland, wo er mit den Handwerkern des Dorfes an Wohnhäusern baut, deren Namen für die Skulpturen einstehen, die in ihnen beherbergt werden: Das Haus für den Rumpf und die Schädeldecken, das Haus für den großen und kleinen Wagen oder das Haus des Kreuzes.
Hat sich Walter Pichler also von seinen utopischen Architekturvorstellungen entfernt? "Wir wollen die totale Stadt, das Land beherrschend"3, hieß es in Hans Holleins Manifest Städte - Brennpunkte des Lebens im Jahr 1963. Solche martialischen Töne fielen ausgerechnet in eine Zeit, in der sich Schriftsteller und Künstler um neue, von den Besetzungen des dritten Reichs befreite Ausdrucksformen bemühten. Hingegen war für die Architektur-Avantgarde das durchaus politische Statement ebenso wichtig wie die Realisierung eines ihrer Skizzen und Baupläne. Im selben Jahr wurde die Ausstellung ARCHITEKTUR durch Pichler, Abraham und Hollein eröffnet, die heute als wegweisend für die moderne österreichische Architektur gilt.
Der Titel ist Programm: er stellt die Frage nach der Bestimmung der "Architektur" neu, nach seinen Möglichkeiten und ontologischen Ursprüngen. Die religiösen Subtexte sind nicht zu überlesen, im Sinne einer "religio" oder Rückbindung wird Architektur als Raumschöpfung verstanden, die von ihren kultischen Ursprüngen her zu denken ist. Im Zuge der Auflösung tradierter Begriffs- und Berufsbestimmungen und der Gleichsetzung von Kunst und Leben wurde der Architekturbegriff erweitert: 1967 hielt McLuhans Medienapriori Eingang in die moderne Kunst. Walter Pichler konstruierte den "TV-Helm", eine immersive Televisions-Umwelt und "Raumschöpfung", in der "Architektur" nicht mehr nur das Bauen von (Wohn-)Objekten, sondern das Schaffen von Umwelten, "Environments" bedeutete.

Man könnte meinen, Walter Pichler habe sich von all diesen Utopien zurückgezogen und wäre in St. Martin zu einem idyllischen Landbewohner geworden. Die Gefahr, auf diesen Topos des Stadtflüchtlings hereinzufallen, ist in der Tat gegeben. Auf den Bildern seines Refugiums in St. Martin erblickt man im Hintergrund die Dorfkirche und die Wohnhäuser, in denen er seine Skulpturen unterbringt, sind auf dem ersten Blick unscheinbar. Gegen eine Abgrenzung eines frühen von einem späten Künstler Walter Picher spricht hingegen aber die Konstanz seiner Themen und Motive.

Selbst im jüngst erschienen Band Zeichnungen: Für meine Mutter4 erstaunt die Konsequenz, mit der Pichler an einmal geschaffenen Motiven festhält, als wären zwischen den Zeichnungen Die silberne Schürze meiner Mutter (1979, S. 8) und Trennung6 (2010, S. 54) keine Zeit vergangen: immer noch steht die sehr intime Erinnerung an ein Kleidungsstück seiner Mutter im Zentrum seiner Bildikonik. Und auch der hohe, von Bescheidenheit unberührte Kunstanspruch ist erhalten geblieben, wenn Pichler vermittels seiner Zeichnungen einer überindividuellen "Wahrheit" näher als einer rein biografischen Erinnerung kommen möchte. (7) Man sollte sich also von diesem bedächtigen, dem Dorfleben verpflichteten Einzelgänger nicht täuschen lassen - hier zielt jemand noch einmal auf "Wahrheit" ab, auf das Bleibende in der Geschichte. Jedoch: Das Pathos der frühen Jahre ist gedämpft, und der Feier des kultischen setzt Pichler die Handarbeit und die Werkstatt entgegen und in den Zeichnungen dominieren die Farben der Erde, des Holzes und der Metalle, mit denen Pichler und seine Handwerker arbeiten.

"Walter Pichler formuliert sich - also seine durch Arbeit präzisierte Existenz - meist in Worten und Handlungen, die mit den gerade notwendigen Substanzen und Substantiva auskommen wollen"5, so charakterisiert Christian Reder Pichlers Arbeitsweise. Die zwei angesprochenen Grundthemen zeichnen sich in diesem Zitat ab: Die Engführung von Kunst und Leben und die Beschränkung auf einige wenige Materialien und Themen. Die Zeit als existenzielle Grundkategorie ist dabei das Medium, in dem Pichler diese willkürlich gesetzte Beschränkung einer Prüfung unterzieht. Beispiele hierfür wäre die silberne Schürze (8) oder die rote Decke (58), auf der Mutter und Sohn liegen, die sich als roter Mantel6 auf der Beweglichen Figur, einer Skulptur in St. Martin, wiederfindet. Diesen die Zeiten überdauernden intimen Bildern einer individuellen Erinnerung des Künstlers werden dabei archaische, dem Fundus christlich-religiöser kulturellen Archive entnommene Bilder gegenübergestellt: die Madonna (18) oder der unter Diokletian mit Pfeilen durchbohrte Heilige Sebastian (20). Hierbei zeigt sich die gelungene Werkauswahl dieses spannenden Bildbandes: Viele der Zeichnungen waren bereits in früheren Bänden abgebildet, aber nirgendwo sonst wurden die Konstanten Walter Pichlers Arbeiten so konzentriert dargelegt. Durch den Verzicht auf Hierachien, auf die Überhöhung religiöser oder die Herabsetzung und Entwürdigung individueller Erinnerungsbilder, werden gängige Wertigkeiten neutralisiert: So wird das Paradoxon, dass ein privates Erinnerungsbild gleichzeitig individuell und überindividuell sein kann, greifbar und der Wunsch Walter Pichlers, seine Zeichnungen mögen "ziemlich allgemein und gültig für viele Leben dieser Art sein" (7) verständlich. So kann Pichler auch die flächige Kontur seiner Mutter in eine Landkarte einfügen, flächig wie die Straßen, Häuser und Bachläufe des Tales in dem sie aufgewachsen ist. (28, 30) Unter den verwendeten Materialien dominiert Tempera, eine wässrige Farbe, die mit Bindemitteln aus Leim arbeitet. Durch dieses Verfahren kann Pichler vorschnelle Konturen und sich schließende Farbflächen vermeiden.



Pichler beschränkt sich in der Wahl der Farben auf elementare Braun- und Grautöne, selten kommt schwarze Tusche zum Einsatz, wie z.B. in der Madonna, in der das Schürzenmotiv wieder aufgenommen wurde - Illuminationen finden sich auf den Bildern nicht. Erst in den letzten Jahren ist eine helle blaue Farbe hinzugekommen wie in Großvater im Brunnen (32) oder Doppelkopf (60), aber obwohl manchen letzten Bildern eine Aufhellung der Farben zugeschrieben werden kann, bleibt der emotionale Grundton gespannt. "Suizidär" nannte Günter Brus Pichlers Zeichnungen in einem Gedicht und tatsächlich stellt sich ein Gefühl der Beklemmung ein. Die Schlucht (44) ist ein schönes Beispiel: links ragt in Tempera ein hoher, glatter Felsen auf, hinter dem eine massive dünklere Felswand einschneidet, während ganz unten, knapp über einem kleinen Bachbett eine Straße einen Weg in die Felsen geschlagen hat. In der Wassertür (46) dominieren Ocker- und Brauntöne, aus dem Felsen ragt eine Wassertür, aus der Wasser in einen kleinen Bach mündet. Die Gegend wirkt unbewohnt, wie seit Jahrhunderten unverändert. Der Wassertür folgt eine Serie von Zeichnungen, die den Titel Sie wollte nicht aus dem Tal heraus (48-52) tragen. Die Mutter, zwischen diesen abweisenden Felsewänden gefangen, weigert sich, das Tal zu verlassen, während eine männliche Figur sie an den Füßen herausziehen möchte. Trost gibt es keinen: in Doppelkopf (62) hat Pichler eine alte Fotografie seiner Mutter als junge Frau übermalt: zwei weit auseinanderliegende Zeiträume überlagern sich, das helle und fröhliche Gesicht der jungen Mutter, das müde der alten. Dabei kann Matthias Boeckls Einschätzung, in Walter Pichlers einzelnen Zeichnungen und Objekten "Teilmaterialisierungen einer allgemeinen Diskussion" zu sehen, teilweise zugestimmt werden.7 Die Verschränkung der langsamen, Kunst und Leben vereinigenden Arbeitsweise in Sankt Martin mit den in den individuellen Werken angeschnittenen Themen ist evident. Auf der Suche nach dem Überdauernden im Schnittpunkt individueller und kollektiver Erinnerungen können die einzelnen Zeichnungen aber auch unmittelbar ihre Wirkung entfalten. Gerade weil sie auf kollektive Ikonographien verweisen, bekommen Gegenstände wie die silberne Schürze oder die rote Decke eine individuelle Qualität. Erinnerungswürdig werden sie erst, wenn sie einen semantischen Raum eröffnen, der mit kulturell genormten Lebensweisen, Gesten und Praktiken verknüpft wird.
Die letzte Zeichnung des Bandes trägt den Titel Meine erste Architektur (64): Zwei Hände formen mit den Fingern als Dach und den Unterarmen als tragende Säule einen turmartigen Bau. "Architektur muss aufhören, nur in Bauwerken zu denken", hat Hans Hollein 1967 geschrieben.8 Walter Pichler erprobt in Sankt Martin eine künstlerische Existenzform, die sich von einer subjektiven Optimierungs- und Originalitätsforderung emanzipiert hat und mit und in der Zeit am Ausdruck seiner künstlerischen Existenz arbeitet. Und dabei nicht müde wird, den alltäglichen Charakter seiner Arbeit zu betonen: "Ich stehe in der Früh auf und geh in die Arbeit", sagte er in einem Interview mit dem Standard. "Dann leg ich mich hin, steh wieder auf und geh in die gleiche Arbeit."9 Die kluge Werkauswahl Zeichnungen: für meine Mutter, 2011 im Jung und Jung Verlag erschienen, vermag dabei den intimen biografischen Ursprung seiner Kunst zu erhellen, ohne voyeuristisch zu werden.



Anmerkungen:
1) Zit. nach: Christian Reder: Zeit, Raum und Sorgfalt. Über Walter Pichler. In: Christian Reder: Forschende Denkweisen. Essays zu künstlerischen Arbeiten. Wien/New York: Springer 2004, 145-180.
2) Vgl. Hans Hollein: Zurück zur Architektur. In: François Burkhardt und Paulus Manker (Hrsg.): Hans Hollein. Schriften und Manifeste. Wien: Univ. für angewandte Kunst 2002, 29-34.
3) Ebda. S. 37-38.
4) Siegfried de Rachewitz, Klaus Thoman (Hrsg.): Walter Pichler: Zeichnungen: Für meine Mutter Salzburg/Wien: Jung und Jung 2010. Im Folgenden beziehen sich die Seitenangaben in Klammer auf diese Ausgabe.
5) Christian Reder: Über Walter Pichler. In: Walter Pichler: Bilder. Salzburg/ Wien: Residenz 1986, S. 201- 220, hier: 201.
6) Walter Pichler: Zeichnungen, Skulpturen, Gemälde. Salzburg/Wien: Residenz 1993, S.121.
7) Matthias Boeckl: Arbeit und Körper, Zeit und Raum. Fundamentales und Paradoxes im Projekt Walter Pichlers. In: Walter Pichler: Zeichnungen. Salzburg/Wien: Residenz 1996, 8-22, hier: 10.
8) Hans Hollein, 55.
9) Bildhauer Walter Pichler: Die Welt ist meine Vorstellung. In: Der Standard 16. Juli 2006.
 
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