Vom Einfall der Musen

Elisabeth von Samsonow inszeniert in Egon Schiele: Ich bin die Vielen den produktiven Austausch zwischen Schieles Künstlergeneration und theoretischer Gegenwartsdiagnostik. Das Ergebnis ist ein erfrischend intonierter 'Forschungsbericht' zwischen den Genera.
- Eine Lektüreempfehlung von Matthias Schmidt.


Die Frage nach einer adäquaten Schreibe hat in der Philosophie meist dann Besorgnis erregt, wenn sie nicht ausreichend zum Problem geworden war. Auch deshalb haben sich metaphorische Selbstbeschreibungen, die auf die Besonderheiten der gewählten Form hinweisen, aufgrund ihrer Formelhaftigkeit ins Gedächtnis der Rezipierenden eingegraben. Ganz gleich, ob der eine gelesen werden wollte, wie man einen Kriminalroman zu lesen pflegt, oder der andere seine Notate als Album apostrophierte - mit der beschlagworteten Distanz zum wissenschaftlichen Konfektionsformat blieb ein gerafftes Credo verknüpft. Bei Elisabeth von Samsonows Buch Egon Schiele: Ich bin die Vielen bietet sich aus mehreren Gründen der Vergleich zu einem Skizzenbuch an - und das nicht nur, weil es die Sicht des Künstlers/der Künstlerin ist, die perspektivischen Mehrwert bringt.
Bereits der Titel bannt diese Grundspannung in eine Formel, die dem Künstler ein philosophisches Paradoxon injiziert. Etwas vorschnell könnte man dieses als eines der markanten Zitate Schieles registrieren, wie sie auch den meisten Kapiteln vorangestellt sind. Im Verlauf der Lektüre allerdings reichert sich diese Sentenz mit gewichtigen Kontexten an, die verdeutlichen, dass nicht bloß die wohltradierte, stereotype Egozentrik Schieles aufgefächert werden soll. Dieser nämlich kommt vorerst nur am Rande vor, während man dagegen in sprachgewaltige Meditationen verstrickt wird, in denen Samsonow beispielsweise medientheoretische Beobachtungen der Gegenwart entlang dem Bilderschatz von neuplatonischen Überlegungen entwickelt.1 Obwohl diese mäandernden Passagen in ihrer Selbständigkeit einer literarischen Logik folgen - an diesbezüglichen Referenzen mangelt es nicht - werden doch in einer Mischung von profan-aktuellem Ausdruck und transhistorischer Generalität zentrale Fragestellungen des abendländischen Philosophierens verhandelt. In dieser Hinsicht ist Ich bin die Vielen als vielschichtige Grundambivalenz zu lesen, deren vordergründige Widersprüchlichkeit (Einheit in der Vielheit und vice versa) von Samsonow mithilfe einer "mediumistischen" Konzeption2, also einer vorrangigen, wechselseitigen Durchdringung ausgehebelt wird. Von dieser allgemeineren Frage, anhand welcher Figurationen ("Relais") die lebensweltliche Vielfalt zu einem Ich gebündelt werden kann, führen die Meditationen zu einem spezifischen Fokus, der in den Überlegungen Schieles - seien es Notate, Skizzen oder Bilder - einigen Widerhall zu wecken vermag. Denn dessen pointierte Selbstauffassung als Künstler bietet einen reichhaltigen Vorrat an fruchtbar ungewohnten Ich-Aspekten, die erkennen lassen, wie reflektiert Schiele seine Rolle gestaltete. Samsonow konturiert diese beispielsweise als Schwanken zwischen Narrentum und Selbstheiligung, Tendenz zur Immersion oder auch als Androgynisierung, die Schieles ewig aufgeschobene Adoleszenz mit den musenhaften, symbolischen Funktionen des "Mädchens" (als schwebender Zustand zwischen Geburt und Gebären) zusammendenkt.3
Im Text selbst schlagen sich diese Befruchtungsverhältnisse ebenso nieder, da der Dunstkreis um Schiele und seinen Schwager Peschka nicht einfach retrospektiv festgestellt werden soll, sondern von Samsonow zu einer vielstimmigen Unterredung mit gegenwärtiger Theoriebildung inszeniert wird. Ausgehend von Funden, die Samsonow im noch nicht vollständig aufgearbeiteten Nachlass beider gemacht hat, werden dabei Konstellationen umrissen, die ihre Faszination auch daher beziehen, dass es sich um keine einseitigen Bezugnahmen aus der Sicht der Gegenwart handelt. Vielmehr zeigen sie, dass sich ein (auch) an Nancy und Deleuze geschultes Denken von Konzepten der Jahrhundertwende erfolgreich irritieren lassen kann - um diese Irritationen dann im Rückgriff auf Spätantike und Renaissance noch zu vertiefen. Dieser Austausch verweist allerdings ebenso darauf, dass es sich nicht um eine statische Typologie vergrabener Ich-Aspekte handelt, die aus dem Werk Schieles gewonnen würde. Stattdessen entsteht ein Geflecht aus oft nur angedeuteten, offen bleibenden Figurationen, die in Wechselwirkung mit gegenwärtigen Phänomenen erst gedacht werden wollen. Viele Gedankengänge werden dabei nur entworfen, eben wie Skizzen, die andernorts leicht variiert wieder aufgenommen oder übereinander gelegt werden können. Und ebenso brechen sie meist abrupt ab, bevor sie beginnen finite Gestalt anzunehmen.
Die Komposition des Buches verwaltet diese Reflexionen durch eine Rahmenhandlung, die vom Versuch handelt, die Echtheit einer vermeintlichen Zeichnung Schieles zu eruieren. Doch die Frage nach der Authentizität wird vom Verlauf der ineinander gewobenen Texte zunehmend ad absurdum geführt, wodurch nicht ohne Ironie die literarischen Biographeme der Autorin sich gegen eine biographistische Schieleforschung zu richten beginnen. Der sprichwörtliche Staub der Archive, in die man von Samsonow geführt wird, weicht zunehmend der Überzeugung, dass es an Schiele - und von ihm ausgehend - noch Entdeckungen zu machen gilt. Spätestens nach dem Kapitel, in dem Schieles eigene Skizzenbücher hinsichtlich seines reflexiven, von Samsonow als "zyklopisch"4 bezeichneten Blickes befragt werden, meint man solch eine Leerstelle greifen zu können. In diesem Sinn arbeitet dieser gewagte "Forschungsbericht" tatsächlich an einer Vervielfältigung Schieles, wie aber auch an einer Vervielfältigung der Stimmen innerhalb 'philosophischer' Prosa. Obwohl gerade der systematisch kursorische Duktus manchmal zu viele Freiräume lässt und assoziativ bleibt, beeindruckt die ungewöhnliche Konzeption dieses Buches durch ihre dennoch gegebene Tragfähigkeit. Neben so mancher spekulativen Zumutung und Autofiktion finden sich dabei auch spielerische Brechungen5, die immer wieder auf den anregenden Impuls dieser phanerogamen und vielgestaltigen Schrift verweisen. Es bleibt zu hoffen, dass die darin entworfenen Perspektiven und Formen ihre Fortsetzungen finden werden. Zwar meinte Walter Benjamin einmal, dass es keine Muse der Philosophie gebe - doch warum sollte es auch nur eine sein?


Elisabeth von Samsonow: Egon Schiele: Ich bin die Vielen. erschien im Passagen Verlag, im August 2010.








Anmerkungen:
1)"Der neuplatonische Philosoph Porphyrios stellte sich dieses Ausfahren aus der Nase als Auflösung in das ursprüngliche Medium vor. Der Atem-Stoff geht als Kleinwolke über in die Großwolke, ununterscheidbar über in die Großwolke. [...]
Das hochflüchtige Konspirationskontinuum - so könnte man sich das denken - wird durch die atmenden Körper verankert. Die atmenden Körper verfügen nicht über eine innere Seele, sondern sind extim in das Hauchmedium hineingehaltene. [...]
In dieser Hinsicht haben sie eine nicht zu leugnende Ähnlichkeit mit dem Arrangement 'Mobiltelefon'. Man hält es in die Luft, während die Antenne aktiv ist. 'Es findet Netz.' Es registriert die Informationsfülle in der Luft. Das Mobiltelefon steht für die Gültigkeit des oben stehenden Lehrsatzes: Die Körper befinden sich im informatischen Kontinuum. [...] Es ist die Gerätschaft, die die Regression in die Einheit unterstützt. Es ist die portable Station, in der die Funktionen zusammenkommen, die die Gruppenglocke oder Großwolke wiederherstellen." (32f.)
2) Ein Ausdruck von Peter Sloterdijk, der das Nachwort verfasste. (168)
3) In einem Vortrag zum Werk Friederike Mayröckers verdeutlicht Elisabeth von Samsonow die Bezüge solcher Konzeptionen zur Gegenwart: "Wie mir scheint liegt gerade in der Wiener Moderne um 1900 eine Fülle von künstlerischen, vor allem literarischen Vorschlägen vor, wie die ehemalige infantile und schwache Position zu neuer Bedeutung und Leitsternhaftigkeit aufsteigen könnte." (Vgl.: Elisabeth von Samsonow: "Dies Ganze muß selig werden." Zu Friederike Mayröckers Bedeutung in der Gegenwart. )
4) Vgl. 148-157. Als Beispiel: "Die Dreieckskomposition dient der Darstellung von Bildtiefe, räumlich und semantisch. Das gleichschenkelige Dreieck ist über die zentrale Achse in sich selbst abbildbar, die beiden die Basis definierenden Punkte können über das mittige Lot im Dreieck symmetrisch ineinander gespiegelt werden, als würde eine Drehtür bewegt ('Ich male von Jemandem ein Porträt spreche dadurch über jemanden den Satz 'Ich erkenne Dich in mir!' - Du vermagst einen Theil von mir zu reflektieren!'' (Grünes Notizbuch, Teil I, S.9.) Die Selbstähnlichkeit des Dreiecks ist Schieles Code. Es ist die Optik (die Akustik, übertragen) des Echos.
Liebe ist auch ein anderes Wort für jene medialen Botschaften, die nicht nur ihren Empfänger suchen, sondern nach Empfängnis süchtig sind. Alle zieht es dort hin, wo sie empfangen werden: Ähnlich wie Blumen ihre Geschlechtsteile recken die Leute dem zu Empfangenden ihre Satellitenschüsseln entgegen." (144f.)
5) "Bevor ich diesen Absatz zu Ende schreiben konnte, stürzte das Manuskript auf dem Bildschirm ab und blieb verschwunden. So etwas war mir noch nie passiert. Ich kannte das nur vom Hörensagen, von Kollegen, die Nervenzusammenbrüche hatten, weil sich ihre Manuskripte in Antimaterie verwandelt hatten. Ich versuchte Ruhe zu bewahren. Ich überlegte, was mir das sagen wollte. Vielleicht sollte ich lieber wieder in das Wien Museum gehen, anstatt mich über die Zustände in meiner Disziplin aufzuhalten? Bedeutete der Absturz vielleicht, dass ich mich in Dinge verrante, die in diesem Buch nichts verloren hatten?" (69)
 
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