Opulente Bescheidenheit
Zu Shuntarô Tanikawas Gedichtband Minimal


Selten zuvor wurde poetische Zurückhaltung so festlich und genussvoll begangen wie in Minimal, einem Gedichtband, dem es auch wegen seiner durchdachten Gestaltung gelingt, ausgerechnet die programmatische Reduktion als sinnliches Ereignis zu inszenieren.

Der Titel, der die 30 Kurzgedichte Tanikawas zu einem Buch zusammenspannt, könnte nicht treffender lauten als Minimal. Und doch ist zunächst nicht offensichtlich, was damit gemeint ist: Ist es die reduzierte Form, die sich vornimmt, das "pure Gegenteil von Geschwätzigkeit" darzustellen? Oder eine lyrische Bescheidenheit in der Beobachtung, die sich nicht anmaßt, all das benennen zu können, was dem Gedicht seinen Anlass gab? Beides träfe zu und verfehlte dennoch die Souveränität dieser Dichtung: Denn auch wenn die einzelnen Texte fragil und leichtfüßig daherkommen, geht es ihnen nicht um schiere Einfachheit oder die Beschränkung auf ein vermeintlich Wesentliches. Stattdessen spinnen die Verse, die oftmals nur einzelne Worten umfassen, ein zartes, doch erfahrungsgesättigtes Netz aus Fremd- und Selbstbeobachtungen, dem es beständig darum geht zu veranschaulichen, dass das Wesentliche nirgendwo eher ertappt werden kann, als an der Schwelle zum Verstummen.
Es ist also eine zwielichtige Zone am Rand des Sprachlichen, zu der sich Tanikawas Gedichte ausfalten lassen: "begierig alles was Sprache hat / der Stille / zurückzugeben". Bewundernswert ist, mit wie viel Heiterkeit diese Schwebe erreicht, wie unprätentiös dabei auf ein langes Dichterleben zurückgeblickt und dennoch jede existenzielle Schwere sofort mit einem Augenzwinkern eingeklammert wird. Die großen Themen der Erinnerung, der Vergänglichkeit, vor allem aber der profanen Glücksmomente werden so zum Anlass, um nach dem schweigsamen Bleibenden zu tasten, ohne sich dabei allzu ernst zu nehmen:

  SCHLAMM

Erinnerung —
dichtes
Abenddunkel

selbst Reue
wirft im Alter
ein schwaches Licht

die Samen
all der Blumen
die nicht mehr blühen

säe ich weiterhin aus
bringe den Schlamm
zum Singen


Der Reduktion fällt dabei auch die Selbstsicherheit und Verlässlichkeit des lyrischen Ichs zum Opfer. Was alle Gedichte eint ist, dass sie kunstvoll um den Mangel einer "gültigen" Perspektive zirkulieren und diese Haltlosigkeit auszukosten imstande sind: Denn gerade weil keine Erfahrung eine Beobachtung und keine Beobachtung wirklich eine Erfahrung verbürgen kann, gelingt es Tanikawas Versen meisterhaft die elusive Spannung, die zwischen beidem bestehen bleibt, in Szene zu setzen. Die einzig mögliche, — eben minimale Gültigkeit, auf die er es abgesehen hat, liegt darin, das Schwanken der Poesie, zwischen Effekt und Entzug, zwischen Bedeutsamkeit und Lächerlichkeit einzufangen, lustvoll erlebbar zu machen: "vergeblich / das Werben / der Wörter". Auf diesen roten Faden deutet auch das erste Gedicht des Bandes, im Sinne einer (auto)poetologischen Eröffnung:

  LUMPEN

Vor Tagesanbruch
kam
das Gedicht

in schäbige
Wörter
gehüllt

es gibt nichts
was ich ihm schenken könnte
werde nur selbst beschenkt

sein nackter Körper
flüchtig erspäht
durch die gerissene Naht

wieder und wieder
flicke ich
an seinem Lumpengewand


Diesen eigentlich unmöglichen "Körper" des Gedichts durchscheinen zu lassen, gelingt nicht zuletzt durch die Härte unerwarteter Kontraste, die Vergänglichkeit und den Anspruch auf Dauer gekonnt aneinander entschärfen: Natur, Würde und Idylle werden beispielsweise durchkreuzt von Narben und Tattoos, oder gerade der mit "Geschmack" betitelte Text umkreist die fahle Einsamkeit einer nächtlichen Erektion. Es ist, als würde auf die lebendige Fülle des Alltags, die beglückende Wahrnehmung eines Details nur zurückgegriffen, um sie sogleich in eine Erinnerung an deren Nichtigkeit zu verkehren — ohne sie jedoch dadurch zu entwerten. Die Schönheit von Tanikawas späten Kurzgedichten verdankt sich einer besonderen Achtsamkeit, die noch das notwendige Scheitern des Dichters an der Sprache zum Gegenstand einer gereiften Poetik macht.



Dass der Funke dieses dichterischen Minimalismus auch in der deutschen Übersetzung von Eduard Klopfenstein überspringt, ist zum einen der Übersetzung selbst, zum anderen der gekonnten Gestaltung des Buches zu verdanken. Denn im scheinbaren Widerspruch zum Titel ist der Band außergewöhnlich aufwendig gefertigt: Die drei Abschnitte von je zehn Gedichten wurden als drei separate Buchblöcke umgesetzt, die in einen mehrfach gefalteten Kartonumschlag eingeklebt sind. Ganz aufgeklappt verfügt das "Buch" so über eine Spannweite von stattlichen 85cm, die eine rasche Lektüre in der U-Bahn unmöglich machen und stattdessen die Verwendung einer soliden Unterlage nahelegen. Freude entwickelt man an der liebevollen Machart aber vor allem dort, wo die Buchgestaltung deutlich mit der Poetik Tanikawas korrespondiert: So werden die drei Blöcke durch die Silhouette eines aufsteigenden (oder davonfliegenden?) Reihers verbunden, der, als japanisches Symbol für Beständigkeit, gerade nicht direkt abgebildet, sondern auf die Innenseite der doppelt gefalteten Seiten gedruckt ist. Sichtbar wird so nur, was sich durch das Papier hindurch abzeichnet, also der Schattenriss eines Symbols.
Fast noch poetischer ist das Verhältnis zwischen dem japanischen Originaltext und seiner Übersetzung umgesetzt. Während der deutsche Text auf der rechten Seite in schwarzer Schrift erscheint, wurden die japanischen Gedichte gegenüberliegend in einem Blau gesetzt, dass der bedruckten, doch nicht zugänglichen Innenseite der gefalteten Doppelseiten entspricht. Dadurch wird nicht nur die typisch japanische Buchbindung zitiert, sondern auch der zusätzliche Abstand farblich markiert, der zwischen der "Innenseite" der Dichtung, den japanischen Texten und ihren nochmals entfernteren deutschen Varianten besteht. Und doch schimmert das blaue Innenleben auf allen Seiten des Bandes durch — so wie es auch in der Übersetzung spürbar wird. Dass diese gestalterischen Mittel dennoch schlicht und vor allem treffend eingesetzt wurden, steigert die Lust an der Lektüre zusätzlich und macht Minimal zu einem selten stimmigen, sinnlichen Erlebnis.

Matthias Schmidt



Shuntarô Tanikawas Minimal erschien im Mai 2015 im Secession Verlag (Berlin/Zürich) und kostet € 42,-.
 
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