WIR WOMAN - WIR NATIVE - WIR OTHER

Wir umschreiben entlang von Trinh T. Minh-has 'Woman Native Other'
von Eva Schörkhuber


  Ich bin für dich das, was du willst, dass ich in dem Moment bin, in dem du mich so betrachtest, wie du mich noch nie gesehen hast: in, mit jedem Augenblick.
Hélène Cixous¹
  Ich schreibe, um mich dabei zu zeigen, wie ich andere zeige, die mir mein eigenes Zeigen zeigen.
Trinh T. Minh-ha²


Ich, zittert es unter meiner Feder, ich will Dich lesen, wie Du schreibst;
ich will Dich dabei zeigen, wie Du Dich zeigst;
zeigen, wie Du Dich dabei zeigst, andere zu zeigen -
andere, die Dir Dein eigenes Zeigen zeigen.
Mich, zittert es unter Deiner Feder, mich schreibst Du also,
Du schreibst mich, wie ich dabei bin, Dir Dein eigenes Zeigen zu zeigen.
Wir, übersetzt es sich von Zeile zu Zeile,
wir zeigen uns im Federkleid, das uns singen, tanzen, sagen lässt;
wir zeigen uns in einem Federkleid gewoben aus Stimmen,
aus den Stimmen, die sich erhoben haben,
um sich fortzuführen, fliegend, um sich abzusetzen, flüsternd, um die Sprache zu entwenden, deren Wendungen sie zurückgehalten, an das Eine oder das andere Eine gefesselt haben;
wir zeigen einander, wie wir uns in unserem Federkleid zeigen.
Du, singt es unter meiner Feder, Du zeigst mir, wie ich mich in meinem Federkleid zeige, in das auch Deine Stimme gewoben ist,
Deine Stimme, die sich erhebt, die entwendet.
Ich, singt es unter Deiner Feder, ich zeige Dir, wie Du Dich in Deinem Federkleid zeigst, in das auch meine Stimme gewoben ist,
meine Stimme, die sich erhebt, die fortführt.

Ist das ein commitment, das wir eingehen, das Du und ich singend, tanzend, sagend eingehen? Ein commitment mit dem wir einhergehen, mit dem ein Wir einhergeht?
- Wer Wir? -
Ein Wir vielleicht, das sich im Eingehen einmal, ein für alle Mal beschlossen hat?
Ein Wir vielleicht, das sich im Eingehen in jedem Augenblick aufs Neue beschließt?
wer wir ...
Schreiben: eine Verpflichtung der Sprache [a commitment of language]. Das Netz ihrer Gesten weist, wie alle Schreibweisen, auf eine historische Solidarität [...]³
... auf ein Wort

Wort: wir Anzahl: 211518 Häufigkeitsklasse: 5 (d.h. "der" ist ca. 2^5 mal häufiger als das gesuchte Wort) Beschreibung: persönliches Fürwort Morphologie: wir Grammatikangaben: Wortart: Pronomen Relationen zu anderen Wörtern: Synonyme: ich, man, unsereiner, unsereins ist Synonym von: ich


Wort: Wir Anzahl: 157697 Häufigkeitsklasse: 5 (d.h. "der" ist ca. 2^5 mal häufiger als das gesuchte Wort) Morphologie: Wir


Wort: WIR Anzahl: 65 Häufigkeitsklasse: 16 (d.h. "der" ist ca. 2^16 mal häufiger als das gesuchte Wort)


Wort: WiR Anzahl: 49 Häufigkeitsklasse: 16 (d.h. "der" ist ca. 2^16 mal häufiger als das gesuchte Wort) Abkürzung von: Wissenschaftsrat, Wirtschaftsrecht4)

... wer wir ...
  Wörter erschöpfen sich mit dem Alter. Sterben und erheben sich wieder, jeweils mit entsprechenden neuen Bedeutungen versehen und immer mit einem Gedächtnis aus zweiter Hand ausgestattet. Wenn eine Frau versucht, etwas zu sagen, wird sie gesagt: sie zerfetzt sich in undurchsichtigen Worten, während sich ihre Stimme an der Mauer des Schweigens aufreibt und zergeht. Schreiben: eine Verpflichtung der Sprache [a commitment of language]. Das Netz ihrer Gesten weist, wie alle Schreibweisen, auf eine historische Solidarität (unter der Voraussetzung, dass ihre Geschichte weiterhin untrennbar von der Geschichte sein soll).5;
... die wir, umzäunt ausgestellt
Ein Wir vielleicht, das sich im Eingehen einmal, ein für alle Mal beschlossen hat? Das sich erschöpft hat in dem Augenblick, an // in dem diese alte Geschichte wieder auftaucht, die alte Geschichte gemachter Frauen?

Es war einmal - so würde diese Geschichte beginnen -, es war ein Mal, an // in dem wir uns eingerichtet haben: dieses erste Mal, an dem Du-Ich eingedrungen sind in das Dunkel jenes Kontinents, den Du-Ich schon längst, von einem anderen Anfang an, zu bewohnen gehabt haben. Du-Ich sind vorgedrungen in das Dickicht der ganz anderen, die Ich-Du gewesen sind, und haben es ausgeleuchtet mit dem Weiß unserer Augen, mit dem Weiß jener Augen, in die Du-Ich ein Wir gelegt haben. Ich-Du haben es ausgemalt mit weißer Tinte, auf dass es neu bezogen werde, auf dass Du-Ich sich neu beziehen können auf ein Wir, ein Wir mitten im geweißten Dickicht, ein Wir hinter den Spiegeln, vor denen sich Ich-Du produzieren, ein Wir versammeln im Namen der Freiheit, im Namen des Besonderen, unter Voraussetzung eines konsolidierbaren Selbst. Im Bewusstsein eines, des Selbst also rekurrieren Du-Ich auf Ich-Du, durchlaufen Du-Ich den Diskurs, der sie schon einmal ausgewiesen hat, von dem sie sich versprechen, das er sie nun, dieses eine Mal, als ein Wir ausweisen wird. Du-Ich, sie geben sich die Türklinke in die Hand, um sukzessive eingehen zu können ins Wir, in ein Wir, das ihnen zusteht, das sie sich erobert haben, abgerungen vom wallenden wogenden Mutter-Meer. Ein territorialer Anspruch, den sie, Du-Ich, erheben, auf dass er sich senke, ein für alle Mal, niederschlage in einem schön umzäunten Wir; auf dass er, dieser eine Anspruch, bestimme, was es für Ich-Du, für sie, zu tun, zu sagen, zu bewegen gäbe.

"Ja, das sind Wir", so höre ich sie rufen.
"Ja, das ist ein Wir," höre ich mich rufen, höre ich mich umstandslos vordringen zum Kern einer Geschichte, die ich für mich behalte: es ist eine Geschichte über sie, über Du-Ich, von mir mir selbst erzählt.
- Und Du? -
Dich habe ich aufgehoben, aufgehoben im Kern der Sache, den ich so einfach, so umstandslos festzustellen gewusst habe: einzementiert habe ich Dich in dieser Dritten Person, die verpflichtet ist dazu, sich ein Selbst, ein Wir-Selbst, zur Aufgabe zu machen. Du-Ich ist die Verbindlichkeit, die Wir eingegangen ist, als es sich beschlossen hat, sich in und mit jenem Anspruch beschlossen hat, den ich festgestellt, mit dem ich Dich gestellt habe und der Dich also auf das Territorium verwiesen hat, das Du in Dritter Person einzunehmen hast.

  Lasst mich doch diejenigen auswählen, mit denen ich meine Gaben teilen möchte. Ich spinne mich also in meinen Kokon ein, verschließe mich behaglich darein und wende mich an meine Schwestern mit der Aufforderung, es mir gleich zu tun: Spinne dich selbst ein, lass dich bequem einhüllen, dann werde ich dir helfen, diese besondere, ach so besondere Anerkennung zu erlangen. [...] Die Politik der "getrennten Entwicklung" besagt, dass wir alle in unserem eigenen Garten blühen dürfen. Sie meint auch, dass ich in meiner Differenz geduldet werde, solange ich die bestehenden Regeln einhalte. Übertrete nicht die Grenze! Da ich einerseits als "gefährliche Spezies" [...] und andererseits als "gefährdete Spezies" gelte [...] muss ich hinter Gitterstäben gehalten werden - um der Sicherheit der Besucher willen und zu ihrer Be-wunderung.6;

Ein Wir vielleicht, das sich im Eingehen einmal, ein für alle Mal beschlossen hat? Das blühen darf im eigenen Garten-Paradies, das aufblüht in den Augenblicken, an // in denen es sich ausstellt, verwundet, an // in denen es sich ausstellen lässt, be-wundert?

Es war einmal - so würde auch diese Geschichte beginnen - es war ein Mal, an // in dem wir uns eingerichtet haben: ein anderes Mal, das Du-Ich tragen, das sie zeichnet, sie auszeichnet. Du-Ich, die Gezeichneten, gezeichnet von einem Mangel, der sich das Ganze so erhaben, so prächtig ausgemalt hat, auf dass sich das Andere, das ganz Andere, verzehre, sich verzehre nach dem Ganzen. Und Du-Ich, sie verzehren sich, sie toben dem Ganzen nach, nagen in seinem Schatten an den Gliedern, die ihnen fehlen, schon wieder fehlen, schon immer gefehlt haben werden. Im windigen Schatten des großen Ganzen verzehren sie sich, stückweise, so weise Stück für Stück, auf dass es ihnen nicht am Mangel mangle, auf dass es ihnen nur an dem Einen fehle, dem Einen, den der Ganze Mangel ausmacht. Ein sagenhafter Ansturm, eine stürmische Ansage mit einem Mal: ein Wir geht um, ein Wir geht ums Ganze, ein Wir tanzt um die Stelle, für die sie Feuer und Flamme gewesen sind. 'Sie' züngelt es aus der Feuer-Stelle, sie haben sich verzehrt; ein Wir beginnt sich abzuzeichnen im Feuer-Mal, 'Wir' zeichnet sich ab, so mangelhaft, am Mangel fehlt es ihm, es fehlt ihm an allem, das es ausgezeichnet hat. Ich-Du, sie kommen nicht dazu, sich auszumalen, sie halten sich auf mit einem Mal, mit dem Feuer-Mal, mit dem er sich einbrennt, der Lauf, der Verlauf der Geschichte.

"Ja, sie ergehen sich im Mangel", höre ich die Bewunderer. "Ja, an nichts fehlt es uns", höre ich ein Wir, das sich nach dem Kern der Sache verzehrt und wieder ausgespuckt hat. Zunächst ihn, dann sich. Weitergegeben haben sie ihn nicht, den Kern dieser Geschichte, sie haben ihn eingegraben, eingepflanzt, auf dass er neue Blüten trage auf dem alten Grund und Boden.
- Und Wir? -
Wir haben uns aufgehoben, aufgehoben im Kern der Sache, der sich aufgelöst, der zu keimen begonnen hat im alten Garten-Paradies. Wir sind uns nichts mehr, wir sind wie sie. Du-Ich, das ist die Unverbindlichkeit, die Wir eingegangen ist, als es sich beschlossen hat, als es sich abzuzeichnen begonnen hat in einem Mal, in einem Feuer-Mal, im Zeichen des Mangels in ihren Augen, im Zeichen des mangelnden Mangels in ihren anderen Augen. Gleich in wie viele Augen Du-Ich sich betten, Wir bleibt das Eine oder das andere Eine, beschlossen in dieser Vision der Differenz, in dieser "Apartheid-Version der Differenz".7
... wir wir, verwirrend entwirrend
  Niemals würde jemand die Diskussion eröffnen, indem er/sie sofort zum Kern der Sache kommt. Denn der Kern der Sache ist immer anderswo als vermutet. [...] Wir - du und ich, sie und er, wir und sie - wir differieren, wir unterscheiden uns im Gehalt unserer Worte, im Bau und Gewebe der Sätze, aber auch - nach meinem Empfinden - besonders in unserer Auswahl und Mischung von Äußerungen, Gesinnungen, Tönen, Tempi, Schnitten und Pausen. Die Geschichte kreist wie eine Gabe, eine leere Gabe, auf die jede/r Anspruch erheben kann, indem sie/er sie füllt, während sie/er sie kostet, aber niemals ganz in Besitz nehmen kann. Eine Gabe beruhend auf Vielfalt. Die in ihren eigenen Grenzen stets unerschöpflich bleibt. In ihren Abschieden und Ankünften. Ihrem Schweigen. [...] Erzählt es der ganzen Welt. Bewahren heißt weiterreichen, nicht für sich behalten.8

Ein Wir vielleicht, das sich im Eingehen in jedem Augenblick aufs Neue beschließt? Das nicht so genau weiß, wohin mit sich, dass es sein Reich markieren und seine Steckenpferde satteln könnte? Das sein Reich offen und seine Steckenpferde grasen lässt auf den Fluren am Rande der Horizonte?

Ein Fluchtpunkt würde den Ausgang dieser Geschichte bilden, ein Fluchtpunkt, von dem wir ausgehen, auf den wir zurückkommen, der uns aber nicht mir nichts, Dir nichts, auf ein Wir zurückkommen lässt.

  Eine Geschichte, dort wieder aufgegriffen, wo sie liegen gelassen wurde - wann spielt keine Rolle. Denn die Zeit steht bereits fest. "Und so lebten sie für lange, lange Zeit ...", so endet die Großmutter; und "es begann vor langer, langer Zeit...", so beginnt sie. Die Zeit ist festgelegt, sagte sie, nicht was das genaue Wann betrifft, sondern das Was: Was genau erzählt werden muss - und wie.9

Wir rufen uns die Geschichte in Erinnerung, deren Enden wir aufnehmen, um sie weiterzuführen; es ist die Geschichte, in der es darum geht, uns in Erinnerung zu rufen
- verwirrendes entwirrendes Stimmen-Gewirr -
Ich rufe mir mich in Erinnerung, indem Du Dir Dich in Erinnerung rufst;
also rufen ich mir Dich und Du Dir mich in Erinnerung,
während ich Dir Dich in Erinnerungen rufe, indem Du mir mich in Erinnerung rufst.
Wir bewahren die Erinnerung an uns,
indem wir sie weiterreichen,
indem nicht ich sie für mich behalte,
indem nicht Du sie für Dich behältst;
sie, die Erinnerung, geht von Hand zu Hand, wir reichen sie weiter, sie umspielt unsere Lippen, auf denen sie singend tanzt, sie durchwandert unsere Schriftzüge, in denen sie sich übersetzt von Dir zu mir, von ihr zu ihm, von ihnen zu uns. Wenn es an uns ist, die Erinnerung weiterzugeben, beschließen wir uns nicht in dem, was wir weiterreichen, wir beschließen uns, indem wir uns weiterreichen, indem wir uns viel weiter geben als ein schön umzäuntes Sie-Selbst, als das gebrannte, auf seine Mangel-Haft eingeschworene Kind. Wir nehmen unseren Ausgang von anderen Enden her, führen uns zusammen, setzen uns fort, ohne uns aufeinander zurückzuführen. Es geht ja weiter - "und so lebten sie für lange, lange Zeit..."

"Wie - so?", höre ich mich fragen.
"Wieso?", höre ich Dich fragen, erstaunt über meine Frage, mit der ich mir die alte, die uralte Frage neu stellen möchte. Nein, wieso ich mich in dieser Frage stellen möchte, fragst Du Dich, warum ich in ihr den Stellungsbefehl einer alten Wehrpflicht zu hören glaube. Ein commitment, dem ich glaube abschwören zu müssen, indem ich mich auf ein anderes, auf ein neues einschwöre. Worin besteht dieser Eid, den Du so unbedingt leisten möchtest? In mir hat er keinen Bestand, ich werde ihn nicht leisten können, solange ich darauf bestehe, ihn selbst zu leisten. Wer sagt das? Erzähl es doch!

... indem du mir mich in Erinnerung rufst
Dem großen Meister, dessen Worte Dich und mich in Stein meißeln, wollte ich den Rücken kehren. Im großen Saal, in dem sich alles versammelt, beschloss ich, mich dem Meister und seinen Worten zu verschließen. Ich wandte mich um und hielt mir die Ohren zu. Seine Worte sollten mich nicht berühren, seine Reden mich nicht einschließen, ich sollte ihm nicht anheim fallen. Die Worte, die sich im großen Saal breit machten, fanden Gehör und fast alle, die sich im großen Saal zu versammeln hatten, fanden sich in ihnen wieder. Ich zitterte um die Stimmen, mit denen ich mich zerstreute, um mich dem Meister entziehen zu können, um von ihm nicht festgenagelt zu werden auf das, was ich in seinen Augen, in seinen Worten einzig und allein zu sein hatte. Der große Meister sprach alle an, er sprach alles aus und nichts entging ihm. Hinter meinem Rücken, den ich ihm zugekehrt hatte, trat er an mich heran. Schweigend fasste er mich ins Auge, hinterrücks. Und da flog ich auf. Ich hatte mich erhoben, um mich fortzuführen, fliegend, um mich abzusetzen, flüsternd. Ich flog an die Decke des Saals, der so ausgefüllt von seinen Reden stickig geworden war, in dem es kaum mehr Luft zum Atmen gab. Auch er flog auf. Er folgte mir, um mich einzufangen im engmaschigen Netz seiner Reden, um mich festzustellen, punktgenau, mit den Wendungen seiner Präzisionssprache. Und während ich fliegend im Saal das Weite suchte, verflog die Angst, von ihm eingenommen zu werden. Ich trug mich mit den Stimmen, die mich zerstreuten, die mir es mir erlauben würden, jene Wendungen zu entwenden, mit welchen er mich einzunehmen dachte, mit welchen er mich zurückhalten, an das Eine oder das andere Eine fesseln wollte. Die Stimmen, mit denen ich mich trug, mit denen ich mich zerstreute, würden ihm das Wort im Munde verdrehen, diesem Wort seine schlagende Bedeutung entwenden. Seine Reden würden nicht mich angehen, sie würden anders ankommen bei mir. Ihrer Selbst-Gewissheit enthoben, würden sie mich nicht für sich gewinnen können. Der große Meister verfolgte mich über weite Strecken, fliegend verfolgte er mich und lange Zeit wollte es ihm nicht eingehen, dass ich, so zerstreut wie ich war, ihm seine machtvollen Wendungen entwendet hatte. Eines Tages gestand er mir ein, dass ich gewonnen hätte, dass es mir gelungen wäre, mich ihm zu entziehen. An diesem Tag, an dem ich das Eingeständnis seiner Niederlage anerkannt, mich als die Stärkere in seinen Augen angenommen hatte, bin ich gelandet auf seinem Terrain, auf dem ich mich plötzlich zu behaupten habe. Er hat mir seine Niederlage eingestanden, er hat es mir zugestanden, dass ich mich von nun an auf seinem Gebiet behaupte.

Sag Du es mir: bin ich ihm, dem großen Meister gegenüber ein commitment eingegangen? Ist mir noch etwas anderes übrig geblieben? Und was ist aus uns geworden? Was wird aus uns?

Wir, zittert es unter unseren Federn, wir wollen uns lesen, wie wir uns schreiben;
wir wollen uns dabei zeigen, wie wir uns zeigen;
zeigen, wie wir uns dabei zeigen, uns zu zeigen -
uns, in unserem Federkleid, in das die Stimmen gewoben sind,
die sich erheben, die entwenden;
deine und meine, seine und ihre, unsere und ihre Stimmen,
die uns uns in Erinnerung rufen, indem sie sich in Erinnerung rufen.
Kein Präsenzdienst, zu dem wir uns aufrufen, zu dem wir aufgerufen sind
(obwohl wir uns auch daran erinnern, an die Wehrpflicht und an den unmöglichen Eid);
keine Selbst-Bespiegelungen
(obwohl wir es nicht vergessen haben, das zur Ordnung gerufene, das zur Ordnung rufende Wir);
kein Zugeständnis an den großen Meister
(obwohl wir uns auf seinem Terrain auch schon behauptet haben).
"Wir", hören wir die Stimmen, die das Federkleid weben, in dem wir uns zeigen,
"Wir" sagen sie und meinen dich, mich, sie, ihn, uns, sich -
"Wir", ihre Steckenpferde, die sie grasen lassen auf den Fluren am Rande ihrer Horizonte.
Auch unsere Wendungen entwenden sie und wir, wir fliegen ihnen zu.
Wir, zittern sie unter unseren Federn, wir in "unendlichen Schichten"10.


  Trinh T. Min-ha: Woman Native Other. Postkolonialität und Feminismus schreiben. Eingeleitet und Herausgegeben von Anna Babka, unter Mitarbeit von Matthias Schmidt. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Kathrina Menke. Wien, Berlin: Turia + Kant 2010.




Anmerkungen:
¹) Je suis pour toi ce que tu veux que je sois au moment où tu me regardes telle que tu ne m'a encore jamais vue: à chaque instant. In: Cixous, Hélène: Le Rire de la Meduse et autres ironies. Paris: Éditions Gallilée 2010, S. 68.
²) Ein unendliches Spiel leerer Spiegel. Minh-ha, Trinh T.: Woman Native Other. Postkolonialität und Feminismus schreiben. Eingeleitet und Herausgegeben von Anna Babka, unter Mitarbeit von Matthias Schmidt. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Kathrina Menke. Wien, Berlin: Turia + Kant 2010, S. 58.
³) Minh-ha: Woman Native Other, S. 145.
4) Die Einträge und Graphiken zu "Wir" sind dem Wortschatz der Universität Leipzig entnommen: http://wortschatz.uni-leipzig.de/ (23.01.2011)
5) Minh-ha: Woman Native Other, S. 145.
6) Minh-ha: Woman Native Other, S. 158-159.
7) Minh-ha: Woman Native Other, S. 66 und S. 213.
8) Minh-ha: Woman Native Other, S. 28-29; S. 227.
9) Minh-ha: Woman Native Other, S. 247.
10) Unendliche Schichten: Ich bin nicht ich kann du und ich selbst sein. Minh-ha: Woman Native Other, S. 163-169.
 
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